In Zeiten des weltweiten Terrors dominieren Angst und Abwehr das Thema "Migrationspolitik". Besonders bedrohlich erscheint jenes unübersichtliche Feld, das wir "illegale Einwanderung" nennen. Der Pater Jörg Alt, der sich seit Jahren damit beschäftigt, untersucht es in seinem Buch Leben in der Schattenwelt . Er nimmt dem Phänomen seine "kriminelle Exotik", wie wir sie aus zahlreichen Berichten kennen. Gleichwohl ist die Lektüre fesselnd. Der Autor hat umfangreiches Erfahrungsmaterial aus München und anderen deutschen Großstädten zusammengetragen, aus dem deutlich wird, wie mannigfaltig die Wirklichkeit gegenüber der sensationslüsternen Wahrnehmung ist. Die Vorstellung, allein durch verschärfte Grenzkontrollen die Dinge in den Griff zu bekommen, wird ins Reich der Illusionen verbannt.

Nach geschätzten Zahlen sollen sich zwischen einer und 1,5 Millionen Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland befinden. Schauen wir uns einmal in unserer Nachbarschaft um: Da sind die liebevollen Altenpflegerinnen aus der Ukraine, die zuverlässigen Putzhilfen aus Polen oder der Slowakei, alle die Kinderbetreuerinnen, Elektriker und Bauhandwerker, die mehr oder weniger diskret weiterempfohlen werden. Ein großer Teil unserer Illegalen kommt aus Osteuropa, arbeitet schwarz, hat sein Auskommen und ist faktisch oft besser integriert in unser Alltagsleben als manche der Legalen. Nicht aufzufallen sichert das Bleiben! – Dies alles legt den Schluss nahe, dass es sich hier um eine weitgehend akzeptierte Praxis handelt.

Auch die Schleuser nimmt der Verfasser unter die Lupe – je mehr sich die Europäische Union gegenüber unerwünschten Zuwanderern abschottet, desto mehr gewinnen "Experten" an Bedeutung, so sein Fazit. Er unterteilt sie in drei Kategorien: Da gibt es die Spezialisten innerhalb privater Netzwerke, die aufgrund eigener Migrationserfahrung Verwandten und Freunden beim illegalen Grenzübertritt helfen und lediglich entstandene Unkosten zurückverlangen. Die "Überzeugungstäter" helfen uneigennützig solchen Menschen, die ihnen weltanschaulich nahe stehen. Eine dritte Gruppe verlangt Geld. Auch hier macht der Verfasser ein breiteres Spektrum aus: vom pensionierten Förster oder Grenzschutzbeamten, der durch Schleusungen ein kleines Zubrot verdient, bis hin zu den hoch professionellen, grenzübergreifend agierenden Organisationen, bei denen es sich zum Teil um Kriminelle handelt, denen es ausschließlich um Bereicherung geht und denen das Schicksal ihrer Kunden häufig völlig einerlei ist. Allerdings schätzt der Verfasser den Anteil der kriminellen Akteure irgendwo zwischen 10 und 20 Prozent ein und vertritt die Meinung, dass weder die Politik noch die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes bereit sind zu realisieren, dass es sich bei denen, die wir aus unserem Umfeld kennen, keineswegs um nette Ausnahmen handelt, sondern um typische Beispiele.

Hinter Begriffen wie "unerlaubte Einreise", "unerlaubter Aufenthalt" oder "irregulärer Erwerb von Papieren", entfaltet sich sozusagen das pralle Menschenleben. Für viele ist das ein Weg, um in der zusammenwachsenden Welt für sich und ihre Angehörigen ein Stück des Wohlstandskuchens zu sichern, egal, ob die Zielländer das für illegal erklären. Die Möglichkeit von Ausweisung und Abschiebung werden in Kauf genommen. In einer Notsituation fragt man selten, was erlaubt ist. Die meisten Herkunftsländer sehen dabei gelassen zu – warum sollten sie die Abwanderung ihrer Staatsbürger behindern, wenn diese bei ihnen keine Arbeit finden und obendrein durch Geldüberweisungen an die zurückbleibenden Familien mehr Devisen ins Land kommen als durch internationale Entwicklungshilfe?

Einmal im Land, ist das wichtigste Element einer erfolgreichen illegalen Einwanderung eine verlässliche Anlaufstelle. Der Verfasser beschreibt seine Verblüffung angesichts der "Punktgenauigkeit" der Migration innerhalb von Netzwerken, und er berichtet, wie ganze Dörfer, Clans und Großfamilien ihr Leben zwischen Herkunftsort und Ankunftsort organisieren. Ein spannendes Kapitel ist dem Vergleich der Städte München und Leipzig gewidmet. In Leipzig dominiert die Nachfrage nach illegalen Bauarbeitern, in München werden vor allem Personen für den Haushalt gesucht. In Gesprächen mit Leuten aus einem Dorf in der Südukraine fand er dies bestätigt. Aber während die Männer nicht selten ausgebeutet und um ihren Lohn geprellt wurden, erging es den Frauen besser. Wer eine "Perle" gefunden hat, setzt alles daran, sie zu behalten.

Sexarbeit, Menschenhandel, Abhängigkeit und Zwangsprostitution begegnen uns fast täglich in den Medien, sie werden natürlich auch in der vorliegenden Arbeit nicht ausgspart. Allerdings bezweifelt der Autor die hohen Zahlen, die immer wieder genannt werden.

Eindrucksvoll ist die Schilderung ganzer "Dienstleistungszentren" für die sans papiers, die sich in unseren Städten etabliert haben. Am schwierigsten ist es in Leipzig, wo illegaler Aufenthalt nur eine kurze "Tradition" hat, anders in München, erst recht in Berlin. Anbieter auf engstem Raum offerieren alles, was sich denken und bezahlen lässt – von der Scheinehe über Bescheinigungen aller Art bis hin zu gefälschten Ausweispapieren.

Krankheit, Unfälle, Schwangerschaft und Schule – alles besondere Klippen für illegale Bewohner einer Stadt. In Berlin zum Beispiel unterhält der Malteser Hilfsdienst seit drei Jahren eine medizinische Beratungsstelle (die Ärzte arbeiten unentgeltlich), die für Menschen ohne Krankenversicherung gedacht ist. Fast alle, die kommen, gehören zur "Schattenwelt".