Shuji Nakamura hat getan, was ein guter Japaner nicht tun darf. Er hat verlassen, was 20 Jahre lang Mittelpunkt seines Lebens war: die Firma. Als 25-Jähriger, direkt nach dem Elektrotechnik-Studium, hatte er bei dem Chemieunternehmen Nichia auf der südjapanischen Insel Shikoku angeheuert. Doch 1999 kündigte er seine Lebensstellung und verklagte auch gleich noch seinen ehemaligen Arbeitgeber – mit überwältigendem Erfolg. Für die Nutzung seiner Erfindungen sprach ihm das Landgericht Tokyo im Februar eine Entschädigung von fast 500 Millionen Euro zu.

Der zweifache Tabubruch hat in Japan für Aufruhr gesorgt. Nie zuvor hat ein Forscher derart offensiv seine persönlichen Rechte an einer Erfindung eingefordert und das Prinzip der lebenslangen Verbundenheit mit seinem Arbeitgeber infrage gestellt. In dem auf Japanisch erschienenen Buch Durchbruch im Zorn hat Nakamura mit den japanischen Werten abgerechnet. "Mein Beispiel wird Japans Forschungslandschaft umkrempeln", prophezeit er ganz ohne japanische Bescheidenheit, "bei den Forschern wird es den Erfindergeist anspornen, und am Ende werden davon die Unternehmen profitieren."

Wie ein Rebell sieht der braun gebrannte Wissenschaftler, der inzwischen an der University of California im sonnigen Santa Barbara lehrt, nicht aus. "Ich bin zufrieden", sagt er und lacht entspannt. Sein Leben bewegt sich in den üblichen Flugbahnen der globalen Forscherelite. Heute ist er ins kalte, verregnete Bremen gekommen, um eine Honorarprofessur im Fachbereich Physik anzunehmen. Morgen wird er nach Tokyo fliegen. Am Ende der Woche ist er zurück in Kalifornien.

Stolz ist er nicht nur auf den Coup vor Gericht, sondern auch auf seine Karriere. Aufgewachsen ist er in einem abgelegenen Fischerdorf, die Resultate seiner Erfindungen aber haben fast jeden irdischen Winkel erreicht. Vor zehn Jahren gelang ihm bei Nichia quasi im Alleingang, woran sich die Forschungsabteilungen multinationaler Unternehmen jahrelang die Zähne ausgebissen hatten. Er entdeckte Halbleiter, die in anderen Farben als Rot leuchten. Das war die Voraussetzung für ihren Einsatz in Bildschirmen und Lampen.

Inzwischen bringen Nakamuras blaue, grüne und weiße Leuchtdioden Tausende fassadengroße Reklametafeln in den Einkaufsstraßen von Tokyo, New York oder Hongkong zum Strahlen. Sie sorgen für das coole blaue Leuchten aus dem Armaturenbrett des neuen Golf. Oder sie ersetzen das giftige Quecksilber in der Hintergrundbeleuchtung von Flachbildschirmen. Und sein blauer Laser ermöglicht eine neue Generation von CD-Laufwerken, die in Japan schon seit einigen Monaten im Handel sind. 27 Gigabyte, die sechsfache Datenmenge einer DVD, können damit auf die kleinen Silberscheiben gespeichert werden. Denn das Licht aus dem blauen Laser hat eine erheblich kürzere Wellenlänge als das bei CDs übliche infrarote oder das rote der DVD-Laufwerke.

Nakamuras Erfolgsrezept war die Verwendung von Galliumnitrid-Kristallen. Diese erzeugen zunächst ein unsichtbares ultraviolettes Licht. Dotiert man sie mit Indium, sinkt die emittierte Frequenz und führt zu blauem und grünem Licht. Und unter einer dünnen Phosphorschicht verschiebt sich Blau zu Weiß. Über 200 Patente hat Nakamura auf seine Erfindungen angemeldet.

Der größte industrielle Nutzen steht allerdings erst bevor. Der beginnt, wenn weiße Leuchtdioden die alten Glühbirnen ersetzen. Im Labor haben die leuchtenden Halbleiter ihre Überlegenheit längst bewiesen. Sie sind haltbarer und brauchen weniger Energie als die klassischen Glaskolben mit dem Wolframdraht. Nur ihre Herstellungskosten sind für eine Massenproduktion noch zu hoch. Aber Nakumara ist überzeugt: "Mit dem Übergang von der Röhre zum Transistor hat die Elektronik ihre Halbleiter-Revolution längst hinter sich. In der Beleuchtung steht sie jetzt bevor."

25 Preise hat Nakamura in den letzten zehn Jahren eingesammelt, darunter den Takeda Award und die Benjamin Franklin Medal in Engineering, beides Vorstufen zum Nobelpreis. Sein Durchbruch schlug sich auch wirtschaftlich nieder. 200 Mitarbeiter zählte Nichia, als Nakamura dort anfing, heute sind es über 3000. Eine Milliarde Euro setzt Nichia inzwischen jährlich um, 80 Prozent davon mit den bunten Leuchtdioden. Der Erfinder selber bekam, wie in Japan üblich, ein Dankeschön und 20000 Yen auf die Hand, das sind gut 150 Euro.