Eigentlich wollte er Künstler werden, wollte nur noch zeichnen und malen und endlich ganz frei sein für alles, was da kommen sollte. Doch viel kam nicht, das merkte er gleich zu Beginn seines Studiums. "Ich brauche wohl Grenzen, um richtig gut zu sein", sagt David Adjaye. "Ich brauche Reibungswärme." Also wechselte er hinüber aufs hitzige Feld der Architektur, und bald schon musste er seine Freiheit erproben: im Ringen mit den Bauherren, im Aufbegehren gegen den öden High-Tech-Rationalismus der Fosters und Grimshaws, auch in der Auseinandersetzung mit einem Beruf, der wie kaum ein anderer vom weißen, wohlgesetzten Mittelstand beherrscht wird. Für die Jungen war da kein Platz, so schien es. Erst recht nicht für Junge, deren Eltern aus Afrika kommen.

Doch David Adjaye wuchs über alle Widerstände hinaus. Heute wird der 38-Jährige als das große Talent der englischen Architektenszene gefeiert, als redseliger Charmeur und als Meister des Ungewöhnlichen. Die Zeitungen bringen üppige Artikel, sogar in der Vogue und in Time werden seine Arbeiten gelobt – und das, obwohl er bislang fast nur Interieurs für Läden und Clubs entworfen hat. Erst jetzt wird sein erstes großes Gebäude fertig, eine öffentliche Bibliothek in London. Das Modell für diesen kecken Bau aus buntem Glas und Holz war bereits auf der letzten Architekturbiennale in Venedig zu sehen gewesen. Und auch auf der Kunstbiennale in São Paulo durfte Adjaye seine Entwürfe zeigen. "Das hat mich natürlich riesig gefreut, dass mich nicht nur die Architekten, sondern auch die Künstler einladen", sagt Adjaye. Trotz seiner ersten enttäuschenden Erfahrungen war er der Kunst immer treu geblieben, hatte sich angefreundet mit Leuten wie Chris Ofili, Jürgen Teller und Jake Chapman, die dank des Kunsthändlers Saatchi binnen kürzester Zeit berühmt und reich wurden. Und von denen manche ihren Reichtum schon bald in Adjaye investierten, in ein Penthouse für zwei Millionen Pfund oder in billige, skulptural-eigensinnige Einfamilienhäuser.

Etwas Besseres als diese Aufträge hätte Adjaye nicht passieren können: Die Bauherren wünschten sich neue Wohnformen und nahmen selbst schrillste Experimente gelassen hin. Sein Dirty House zum Beispiel, ein umgebauter alter Lagerschuppen, ließ er kurzerhand schwarz anstreichen, mit einer schweren, fetten Farbe, mit der sonst nur Stromkästen gegen Graffiti und Plakatkleber immunisiert werden. Adjaye wollte etwas Abweisendes bauen, einen Fremdkörper, der sich in dunkler Auffälligkeit tarnt und sich von seinen zerschlissenen Nachbarn nicht beeindrucken lässt. "In England wird ja sehr konservativ gebaut, entweder spießig-viktorianisch oder verstandeskühl. Meine Bauten sind eher unverdaulich, nicht unbedingt schön, nicht verständlich", sagt er und lacht schelmisch. Er freut sich, Londons architektonischer Monokultur den einen oder anderen Exoten implantieren zu können. "Für mich ist die Stadt ein Ort der Vielfalt und der Widersprüche, und warum sollte man die in der Architektur nicht spüren?"

Gegensätze haben ihn stets begleitet: In Tansania geboren als Sohn eines Diplomaten aus Ghana, aufgewachsen in Ägypten, im Jemen und im Libanon, mit neun Jahren nach London verpflanzt, war er gezwungen, immer wieder neu zu beginnen. "Oft habe ich mich bei meinen Eltern beklagt, weil ich so wurzellos bin", sagt er. "Immer musste ich verhandeln, als Christ unter islamischen Kindern, später als Afrikaner im weißen Londoner Norden. Aber vielleicht hat mich das ja auch gestärkt."

Zumindest hat er gelernt, sich vor allen ästhetischen Dogmen zu hüten, auch wenn er einen Faible fürs Minimalistische nicht verhehlt und er bei seinen Lehrmeistern David Chipperfield und Eduardo Souto de Moura manches mitgenommen hat. Nie aber würde er sich auf eine Handschrift, auf einen Stil festlegen. "In Tansania habe ich gerade angefangen, mir ein eigenes Haus zu bauen", erzählt er schwärmend. "Eins, das ins dortige Licht passt. Eins ganz aus Lehm."

Seine Freude daran, die Welten zu wechseln und alle Festlegungen zu meiden, spürt man auch in seiner Bibliothek, die sich Idea Store nennt, weil sie niemanden durch Bildungsgehubere verschrecken will. Gut gelaunt und leichtfüßig kommt ihre Architektur daher, ganz anders als die Wohn- und Einkaufstristesse des Sechziger-Jahre-Viertels rundum. Doch wirkt das Neue nicht aufdringlich, eher moderat und selbstverständlich – für Kontinentaleuropäer. In England hingegen sieht man in dieser Bibliothek eine kühne Errungenschaft und kürt Adjaye zum zweiten William Alsop. "In vielem hat man es hier schwerer, in manchem auch leichter. Wo so viele Banalitäten gebaut werden, gilt man schnell als Radikaler."

Dabei sei er das gar nicht. "Ich brauche schon auch Sicherheit", sagt er. "Mein Vater war aus einem kleinen Dorf in Afrika aufgebrochen in die Welt, hatte sich langsam und zäh durchgebissen. Da kann ich doch nicht daherkommen und den Erfolg wieder verspielen." Es blieb ihm, so scheint’s, gar nichts anderes übrig, als ein strahlender Aufsteiger zu werden. Allerdings einer, der sich seine Außenseiterseiten bewahrt. Einer, der sich ein Hintertürchen in die Kunst, ins Absurde und Unbegründbare offen hält.