Die Welt in Aufregung, doch in Berlin eine Außenpolitik der ruhigen Hand, dieser Eindruck könnte sich derzeit einstellen. Nichts als gemessene Worte zu der unangekündigten Zustimmung, die Scharons Nahost-Initiative in Washington erfuhr. Und was die Irak-Politik der Spanier betrifft, deren Plötzlichkeit nicht minder überrascht: Da schweigt des Sängers Höflichkeit. Oder denkt er still über den Sinn einer Äußerung des EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi nach, man könne von Spaniens neuem Regierungschef José Luis Zapatero das Siegen lernen? Prodi will demnächst Berlusconi herausfordern, und da liegt der Gedanke nahe, dass das Thema Irak auch für Rot-Grün in Berlin noch einmal nützlich werden könnte, im Europawahlkampf etwa, gegen den proamerikanischen Kurs von CDU und CSU.

Für Innenpolitiker ein Kopfzerbrecher, doch die Außenpolitik stellt gegenwärtig härtere Aufgaben. In Europas Hauptstädten herrscht Nervosität, die auch damit zu tun hat, dass zurzeit alles anders kommt, als man denkt. Und gedacht wird viel in Madrid und Rom, in Warschau, London und Paris, manchmal laut, doch meistens halblaut: Europa sucht seine Weltpolitik.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem neuen Spanien mit seiner frisch umgestülpten Politik. Bevor Außenminister Miguel Ángel Moratinos sich am Dienstag zu seiner ersten offiziellen Mission auf den Weg nach Washington machte, hatte er noch einmal mit einem alten Bekannten telefoniert: Lakhdar Brahimi. Den erfahrenen Krisenmanager der Vereinten Nationen ( ZEIT Nr. 17/04) kennt Moratinos aus jener Zeit, in der er selbst als Sonderbeauftragter der EU für den Nahen Osten zuständig war. Das Telefonat bestätigte seine Meinung, dass es bis zum 30. Juni keine fruchtbare Irak-Resolution der UN geben würde. Sein Ministerpräsident hatte ursprünglich einen Verbleib der spanischen Einheiten im Irak davon abhängig gemacht, dass die Weltorganisation die Verantwortung für die Befriedung und den Wiederaufbau des Iraks zur Jahresmitte werde übernehmen können. Das, so heißt es nun in Madrid, sei praktisch auszuschließen. Wenn aber die Unerfüllbarkeit dieser Bedingung offenkundig sei, warum dann bis zum 30. Juni warten?

In einem Jahr, seit August 2003, sind auf dem irakischen Schauplatz elf Spanier im Einsatz getötet worden, drei Angehörige des Militärs und insgesamt acht Mitarbeiter des Nachrichtendienstes (dazu kommen zwei Journalisten, die während der Kampfhandlungen im April zu Tode gekommen waren). Das Militärkontingent sollte großenteils zum Aufbau der Infrastruktur beitragen. Den schwierigsten Job hatte der kleinere Teil im schiitischen Nadschaf: Dort sollten die Spanier die Sicherheit der Bevölkerung gewährleisten. Doch seit Anfang April sind sie vorrangig mit Selbstverteidigung beschäftigt. Wozu also bleiben?

Um die Amerikaner nicht allein zu lassen, wäre eine Antwort. Doch nicht eine im Sinne Zapateros. Trotz beschwichtigender Worte zeigt der beschleunigte Rückzug, wie wenig die Neuen in Madrid von der Außenpolitik der Bush-Regierung halten. Ein bisschen mulmig angesichts der eigenen Courage ist ihnen aber schon. Der Verratsvorwurf ist nicht ungefährlich, munkeln spanische Diplomaten. Auch der Verdacht, Spanien könnte sich zurück zum Neutralismus à la Franco bewegen, könnte Schaden anrichten. Dass der Präsidentschaftskandidat der amerikanischen Demokraten, John Kerry, gleichfalls ins Horn der Spanien-Kritiker bläst, registriert man mit Kummer. Umso mehr hofft man auf Schützenhilfe aus Europa.

Berlusconi, Italiens Familienvater

Von Spaniens Gegenstück Italien ist sie vorerst nicht zu erwarten. Auch die Italiener beklagen zwar Opfer, und seit Fabrizio Quattrochi in der vergangenen Woche von seinen Geiselnehmern hingerichtet wurde, steht das Land unter Schock. Ministerpräsident Silvio Berlusconi aber nutzt die Situation, kümmert sich wie ein Familienvater um die Hinterbliebenen und bemüht sich um die Freilassung der anderen drei Gefangenen. Da weiß er die Nation hinter sich, und das erspart ihm unangenehme Fragen nach seiner Irak-Politik.

Berlusconi hatte sich sehr früh auf die Seite von US-Präsident Bush gestellt und mehr als 3000 Soldaten in den Irak entsandt. Allerdings deklarierte er das als Friedensmission. "Wir haben an keinen Kriegshandlungen teilgenommen!", wiederholt der Premier, sooft es geht. Das ist in einem technischen Sinn sogar zutreffend, aber als im vergangenen November 19 Carabinieri im Irak einem Attentat zum Opfer fielen, zeigte sich, dass Italien sehr wohl als Kriegspartei wahrgenommen wird.