Die Sehnsucht nach einer Demokratisierung der Kunst hat in keiner Sparte der darstellenden Kunst so peinliche Ergebnisse gezeitigt wie im Tanz. Seit Rudolf von Laban 1920 die Kampfparole des Ausdruckstanzes prägte ("Jeder Mensch ist ein Tänzer!"), um die strengen Vorschriften des Balletts aufzubrechen, haben Scharen von Laientänzern den Satz als Aufruf zum freien Dilettieren missverstanden. Wenn jeder Mensch ein Tänzer ist, muss ein Tänzer idealerweise genau so ungeschlacht tanzen, wie jedermann es könnte - das war die Meinung, die im Lauf des 20. Jahrhunderts populär wurde. Man ersetzte den alten Dogmatismus von der Notwendigkeit strengster Dressur durch ein dogmatisches Dressurverbot. Leider hat das Desinteresse am Formalen die Fähigkeit zur Formgebung nicht gerade befördert. Und so entspringt heute das Bedürfnis, den Tanz zu revolutionieren, nicht immer dem Ungenügen an den Ausdrucksmöglichkeiten des Genres, sondern häufig auch dem Unvermögen, den alten Ansprüchen des Genres zu genügen.

Spastische Anfälle

Was bei Rudolf von Laban oder Mary Wigman als Befreiung gedacht war, ist zur Legitimation für das Unfertige und Ungelenke geworden. Es kann mittlerweile als Hauptcharakteristikum des zeitgenössischen Tanzes gelten, dessen beklagenswerter Zustand sich in den neuen Produktionen zweier namhafter Choreografen offenbart. William Forsythe, der bewährte Ballettrevolutionär in Frankfurt, und Sasha Waltz, die gefeierte Nachwuchsavantgardistin in Berlin, haben ihre jeweiligen Ensembles veranlasst, sich auf dem Boden herumzuwälzen, sich mit Farbe zu bekleckern, spastische Anfälle zu simulieren, sich ineinander zu verknäulen und dabei möglichst glaubhaft den Eindruck zu vermitteln, sie hätten niemals tanzen gelernt. Tanzen im Sinne von Technik, von Schwung, von absichtsvoll gestalteter Bewegung.

Waltz und Forsythe gebärden sich hier als Vertreter einer Tanzschule, die jede regulierte Bewegung als verschmockt ablehnt. Ein ähnlich übertriebener Erneuerungsfanatismus ist vielleicht nur noch in der bildenden Kunst anzutreffen. Allerdings haben sowohl die Mitglieder von Sasha Waltz' Schaubühnen-Compagnie als auch die von William Forsythes Frankfurt Ballett nachweislich Ballettschulen, Folkwang-Kurse und Tanzstudiengänge absolviert.

Ihr Diletanttismus ist ein künstlicher Dilettantismus, und man muss sich fragen, mit welcher Absicht er vorgetäuscht wird. Bei Forsythe könnte die Antwort lauten: Um seine Feinde, die Kulturdezernenten, zu ärgern. Das neue Stück We live here! ist seine letzte Arbeit für das Frankfurt Ballett, das zum Ende der Spielzeit aufgelöst wird. Von 2005 an wird der Choreograf mit einer kleineren, gering bezuschussten Forsythe Company weitermachen.

Die Stadt Frankfurt hatte ihn im vergangenen Jahr, als er eine Veränderung seines Engagements aushandeln wollte, kühl abserviert. Es war, als hätte man nur auf die Gelegenheit gewartet, Forsythe loszuwerden - nachdem er zwanzig Jahre lang von einem Erfolg zum nächsten geeilt war, nachdem er in Frankfurt, Paris, San Francisco mit seinen wagemutigen Arbeiten, die er selbst als "Forschungsprozesse" bezeichnet, Furore gemacht hatte. Forsythe war nie ein blindwütiger Bilderstürmer, er hat das Vokabular des Balletts sauber in die kleinsten Bestandteile zerlegt und neu geordnet. Limb's Theorem (1990), Eidos: Telos (1994), The Vertiginous Thrill of Exactitude (1996) zeugen auch von der Genauigkeit, mit der er das vorgefundene Material umarbeitete. Nun aber liefert er ein völlig hysterisches Stück ab, eine Ansammlung grotesk verrenkter Figuren, deren natürlichste Daseinsform der Veitstanz zu sein scheint.

"Hallo, what's going on?", fragt eine der Gestalten, die beständig mit verzerrter Stimme ins Mikrofon winseln. Ist das wirklich die Frage, von der William Forsythe glaubt, dass seine Zuschauer sie noch stellen würden: Was ist hier los? Was bedeutet das? Das Publikum weiß ja längst, dass man so nicht fragen darf. Seine so genannten "Erwartungen" und die Möglichkeit, sie zu "durchkreuzen", existieren nur noch in der Einbildung mancher Feuilletonisten. Das Publikum hat gelernt, mit allem zu rechnen, nichts zu interpretieren und den Tanz für sich sprechen zu lassen. Nun sind aber nicht alle neuen Tänze rein symphonisch, manche arbeiten wie bei Forsythe auch mit Textelementen, die von einem antihermeneutischen Standpunkt aus betrachtet obskur bleiben. "Reason is Content" kritzeln Forsythes Tänzer an die Rückwand des Guckkastens. Sie hätten auch jeden anderen Satz nehmen können: "Ich denke, sobald ich nicht bin" (Lacan), oder: "Der Ariadnefaden ist gerissen" (Foucault). Alle mögliche Bedeutung geht ohnehin in dem von den Tänzern angerichteten Chaos unter, das vom Aufjaulen der Musik (Thom Willems) ins Unerträgliche gesteigert wird.