Eigentlich sollten wir dankbar sein, dass aus Neufünfland nix Richtiges geworden ist. Im westdeutschen Einheitsstil blühende Landschaften wären schlechte Kulissen für gute Filme. Wenn es zum Beispiel das Mansfelder Land nicht gäbe, diese trotzig sich hinfläzende Ex-Bergbaugegend südlich von Berlin, dann gäbe es auch keine Geschichten wie die von Schultze. Und das wäre schade, denn Schultze ist der deutsche Held der Stunde, einer, der nach träge erduldeten Jahrzehnten im Windschatten jeder Reformdebatte den stattlichen Hintern von alleine hochbringt.

Als ihn das Kali-Bergwerk in Frührente schickt, besitzt er nicht viel mehr als einen chronischen Husten und eine Salzlampe. Die bekommt er zum Abschied geschenkt, und an ihr knabbern Schultze und seine ebenfalls geschassten Freunde nun so zögerlich herum wie an ihrem Schicksal. Dies ist das erste von vielen grandiosen Stillleben, die der Regisseur Michael Schorr für Schultze gets the blues komponiert hat. Trüb sind die Aussichten durch die leitmotivisch wiederkehrenden Fenster- und Türrahmen, in Schultzes Wohnung, im Altersheim, wo seine demente Mutter wortlos verdämmert, in der Kneipe, wo man sich das Dasein erträglich trinkt. Immer wieder stehen Zäune, Stoppschilder im Zentrum der Szenen; eine geschlossene Bahnschranke, vor der die Wartenden auf ihren Fahrrädern ungeduldig klingeln, wird zum Running Gag und Dingsymbol des preisgekrönten Films. Der schusselige Bahnwärter liest philosophische Klassiker und trägt ein Alien-TShirt. In diesem Deutschland ist Vorankommen keine Frage der Vernunft, sondern nur mit außerirdischer Hilfe möglich.

"Überhöhte Realität" nennt der Pfälzer Schorr sein Verfahren, mit dem er die Ossis zu grandiosen Stoikern stilisiert. Der gelernte Dokumentarfilmer hat Kraft und Mut zur gaaaanz langen Einstellung; mitunter wirkt seine Mischung aus Dokumentation und Spielfilm wie die Monumentalfotos von Andreas Gursky. Bis endlich Schultze auf einem klapprigen Damenrad durchs Bild eiert, auf dem Weg zum Gartenzwerge-Abwasch oder zur Flasche Pils auf der Hollywoodschaukel. Die ersten zwanzig Minuten vergehen nahezu wortlos, und auch danach redet das Team aus Profis und Laiendarstellern nur das Nötigste, sagt "Saupreuß" oder "Sachsenarsch". Beim Karneval setzen sie, als Torero und Superman verkleidet, im Casino alles auf eine Zahl – und verlieren.

Trotz allem, trotz der realsozialistischen Tapeten und Kassengestelle in erloschenen Gesichtern bekommt man angesichts der Postkarten aus Dunkeldeutschland selber nicht den Blues. Weil die vom Fortschritt Vergessenen nicht bemitleidenswert oder lächerlich sind, sondern weil sie die Zeit bekommen, man muss es so pathetisch sagen, in unser Herz einzufahren wie in den Bergwerksschacht. Und endlich, als man die Geduld mit ihnen (und dem Film) dann doch fast verliert, bricht einer von ihnen auf: Schultze.

Der Schauspieler Horst Krause macht aus dem Revoluzzer im Heer der Reglosen ein Naturereignis. Ehrfürchtig umkreist die Kamera seinen prallen Leib, wie sie zuvor die Kali-Abraumhalde umrundet hat. Wie ein Diogenes, der seine Tonne verschluckt hat, sitzt er stiernackig in Jeans und Hosenträgern da. Bis er, der Akkordeonspieler, nachts im Radio eine fremde Musik hört, Cajun, den Sound der amerikanischen Südstaaten. Bis dahin hat Schultze nur Polka gespielt, in Erinnerung an seinen Vater selig. Jetzt würzt er sein Essen mit Chili, fingert sich erst im halben, dann im vollen Tempo durch die neue Musik – und geht erst einmal zum Arzt. So viel Sehnsucht nach Freiheit kann nur Krankheit sein.

Schultze gets the blues erzählt noch einmal das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten: Etwas Besseres als den Tod finden wir überall. Der Ostler Schultze sucht es in einem Westen, der selber Hinterwald ist, eine von vielen stillen Pointen des Films. In New Braunfels, Louisiana, findet Schultze zunächst nur ein Zerrbild der Zustände daheim, mit Edelweiss Inn am Highway, mit "Wurstfest" und Gejodel. Doch dann kapert er ein kleines blaues Boot, der Ossi-Odysseus geht auf die Suche nach einer Heimat, die er noch gar nicht kennt. Nichts verstellt mehr den Blick. Sprachlos, orientierungslos, furchtlos, glücklich tuckert Schultze auf den endlosen Sümpfen umher. Nie wusste er genauer, wo’s langgeht. Und schließlich findet er den finalen Ankerplatz für sein deutsches Heldenleben. Das Akkordeon freilich wird er nie mehr auspacken.