Einen Moment lang sah es so aus, als sei in England ein zweiter Enron-Skandal geschehen. Seit Beginn des Jahres hatte der Energiekonzern Royal Dutch/Shell seine Öl- und Gasreserven bereits zweimal nach unten korrigiert, weil sie um 20 Prozent zu hoch angesetzt worden waren. Der bewusste Zahlenschwindel hatte die Ergebnisse der Jahre 2000 bis 2003 um je 100 Millionen Dollar nach oben getrieben. Doch anders als bei Enron wird der Betrug den Shell-Konzern nicht runieren.

Vorstandschef Sir Philip Watts und der für Erschließung und Produktion zuständige Vorstand Walter van de Vijver mussten den Konzern dennoch im März verlassen, und nach einer weiteren "endgültigen" Korrektur räumte Anfang der Woche auch Finanzchefin Judy Boynton ihr Büro. Ein Bericht der amerikanischen Anwaltskanzlei Davis Polk & Wardwell beschrieb die Trickserei zudem detailliert und in ihrem ganzen Ausmaß.

Auf diesem Wege wurden pikante E-Mails publik, die einen erbitterten Kampf zwischen Watts und van de Vijver dokumentieren. Watts hatte den Zahlenschwindel zunächst angeschoben und van de Vijver im Mai 2002 dazu angestachelt, "nichts unversucht zu lassen", um die Reserven auf 100 Prozent der Jahresproduktion zu bringen. Als van de Vijver ein Jahr später klar wurde, welche Konsequenzen der Fall unter den Regeln der amerikanischen Finanzaufsichtsbehörde SEC haben könnte, versuchte er alles, um seine Beteiligung zu vertuschen. Im November 2003 wetterte er in einer E-Mail an Watts, er sei es "endgültig leid, noch weiter über den Umfang der Reserven zu lügen". Zu dem Zeitpunkt hatte er sich freilich längst zum Komplizen gemacht.

Die amerikanischen Behörden haben noch nicht entschieden, ob sie gegen die Beteiligten rechtliche Schritte einleiten. Immerhin hat sich keiner der Schwindler persönlich bereichert. Gleichwohl ist der Vertrauensverlust am Markt erheblich. Erste Stimmen fordern sogar die Fusion von Royal Dutch und Shell – bisher sind sie nur über eine Holding verbunden –, um "ein transparenteres Unternehmen" zu schaffen, das einfacher zu kontrollieren sei.