Erst war es die Steinkohle, die den Menschen Arbeit brachte. Dann waren es die Handys von Siemens. 1988 wurde in Kamp-Lintfort das erste mobile Funkgerät gefertigt, drei Jahre später das erste moderne Handy der neuen Generation. Die Stadt am Niederrhein ist heute einer der drei Standorte weltweit, an denen der Münchner Elektroriese die kleinen High-Tech-Geräte produziert, Forschung und Entwicklung betreibt. Siemens ist der zweitgrößte Arbeitgeber am Ort. Doch damit könnte es bald vorbei sein.

Konzernchef Heinrich v. Pierer erwägt, mit einem großen Teil der Produktion nach Ungarn abzuwandern. Dort ist die Arbeit billiger, sind die Steuern niedriger und die Subventionen höher. Nicht nur deutsche Arbeitnehmer, auch Wirtschaftsförderer und Finanzminister können nicht mehr mithalten. Die neuen Beitrittsländer in Osteuropa kassieren Milliardenbeträge an Wirtschaftsförderung aus Brüssel und nutzen ihre Chance, mit günstigen Konditionen Investoren anzulocken (siehe Seite 25).

Der Siemens-Chef hatte bislang nicht gerade das Image, ein Arbeitsplatz-Rambo zu sein. Jetzt aber legt er sich massiv mit Gewerkschaften, Mitarbeitern und selbst Bürgermeistern an. Vor wenigen Jahren wehrte er sich noch auf einer Hauptversammlung gegen einen allzu forschen Investor, der glaubte, bei Siemens gelte es, so manches Boot zu versenken. Ihn störe dieses Vokabular, erwiderte Pierer, weil auf diesen Booten Menschen säßen. Doch immer wieder wurde ihm die Kursentwicklung seines großen amerikanischen Konkurrenten General Electric vorgehalten. Dessen langjähriger Chef, Jack Welch, war bekannt für seine hire and fire- Mentalität. Der Börsenwert des US-Konzerns lag stets über dem des deutschen Elektroriesen.

Um in Finanz- und Börsenkreisen das Image vom Sozialromantiker abzustreifen, schlug Pierer eine härtere Gangart ein. Er forcierte die Orientierung auf hohe Renditen – mit Erfolg. Der Gewinn nach Steuern stieg im jüngsten Geschäftsquartal im Vergleich zum Vorjahr um 39 Prozent. Die Mobiltelefone aus Kamp-Lintfort und die schnurlosen Apparate aus dem benachbarten Bocholt trugen mit schwarzen Zahlen dazu bei (siehe Kasten). Und trotzdem: In beiden Städten stehen von den insgesamt 4500 rund 2000 Arbeitsplätze zur Disposition.

Der Chef des Münchner Multis denkt global. Lokal sorgt das für extreme Unruhe, vor allem in Kamp-Lintfort, wo die meisten Arbeitsplätze bedroht sind. Christoph Landscheidt, der Bürgermeister der Stadt, teilte das Pierer persönlich mit. "Mit größter Bestürzung, mit Sorgen und existenzieller Angst erleben die Menschen gegenwärtig in der gesamten Region die Drohung des Hauses Siemens, wesentliche Teile der Handy-Produktion nach Ungarn zu verlegen", schrieb das Oberhaupt der Stadt dem Vorstandsvorsitzenden des Konzerns. Der wird zugleich auch daran erinnert, wie sehr noch vor wenigen Monaten ein Abgesandter aus München betont hatte, dass "wir mit Hilfe dieses Standortes und der Mitarbeiter im Mobilfunkgeschäft und bei den Handys weltweit an einer Spitzenposition angelangt sind". Bei allem Verständnis für den schwierigen globalen Markt, so Bürgermeister Landscheidt, müsse er doch fragen, was das für eine Unternehmenskultur sei, die so mit Menschen umgehe, die anerkanntermaßen durch ihre Leistungen, durch ihren Fleiß und durch ein Höchstmaß an Flexibilität zum Erfolg der Marke Siemens beigetragen hätten. Und dann fragt er Pierer noch, ob ihm bewusst sei, "dass Sie einen Flächenbrand auslösen mit dem nicht unerheblichen Risiko, den guten, traditionsreichen Namen Siemens massiv zu beschädigen".

Das saß. Der Konzernchef reagierte prompt – telefonisch. Allerdings bestätigte er "die schlimmsten Befürchtungen", so Landscheidt. Das einzig Positive an dem Gespräch sei gewesen, dass es überhaupt stattgefunden habe und dass der Vorstand zu Gesprächen bereit sei.

Der Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, Harald Schartau, versucht mittlerweile zwischen der Konzernleitung, der Gewerkschaft und der Belegschaft zu vermitteln. Selbst der Bundeskanzler Gerhard Schröder reagierte und teilte in einem Brief vom 30. März sein "großes Verständnis für die Sorgen der Beschäftigten beider Betriebe" mit.

"Hier soll Tabula rasa in Deutschland gemacht werden", sagt der sonst so moderate Vize der IG Metall, Berthold Huber. Was den Bürgermeister, die Gewerkschaften und die Mitarbeiter so aufregt: Es geht in diesem Fall nicht darum, im Ausland neue Jobs zu schaffen, um dort neue Märkte zu erschließen. Für eine solche Strategie zeigt selbst Gewerkschaftsmann Huber Verständnis. Auslandsinvestitionen könnten der Erschließung neuer Wachstumsmärkte dienen. "Das nützt auch uns", so Huber. "Einen verantwortungslosen Stellenabbau aber lehnen wir ab." Es gebe bei Siemens jetzt eine neue Qualität.