Bratislava
Der erste Eindruck: ein Mönch. Ein tiefer Ernst geht von dem Mann aus, als verbiete sich angesichts der Schwere seiner Aufgabe jeder Scherz. Das also ist Ivan Mikloš, Finanzminister und stellvertretender Ministerpräsident der Slowakei, der Urheber jener Sozialreformen, die in Westeuropa Konservative zum Schwärmen und Sozialdemokraten zum Schimpfen bringen (und einen bayerischen Ministerpräsidenten, der beides zugleich versucht, an den Rand der Schizophrenie treiben). 43 Jahre ist er alt, ein hoch aufgeschossener Mann mit dem Gesicht eines Jungen, das in der folgenden Stunde kaum je eine Regung zeigen wird.

Mister 19 Percent nennen ihn westliche Medien - seit Anfang des Jahres zahlen alle Slowaken 19 Prozent Einheitssteuer, kaum halb so viel, wie deutsche Unternehmen an den Staat abführen. Chile, Neuseeland und Irland waren die Vorbilder einer Reform, die westliche und fernöstliche Unternehmen anlockt wie das Licht die Motten und dort, wo sie abwandern, hektische Debatten über Steuersenkungen und eine europäische Mindeststeuer entfacht.

Können sich die großen EU-Staaten dem Reformdruck aus den Beitrittsländern entziehen?

"Nein."

Da ist sie, die Herausforderung an Westeuropa. Fünf Jahre lang haben die Slowaken unter dem Druck der EU ihr Land erneuert. "Inzwischen sind wir mit unseren Strukturreformen weiter als die Mehrheit der westeuropäischen Staaten", sagt der Finanzminister, und diesen werde auf lange Sicht keine Wahl bleiben, als sich anzupassen. Schon spricht Steven Forbes, amerikanischer Verleger und früherer Präsidentschaftskandidat der Republikaner, von einem Dominoeffekt, der ausgehend von marktliberal reformierten Beitrittsländern die westeuropäischen Sozialstandards umstürzen werde, bis ganz Europa sich schließlich in eine wirtschaftsfreundlich reformierte Niedrigsteuerzone verwandele.

Wird es einen Dominoeffekt geben?

"Die Reformen in den neuen EU-Ländern werden das Tempo der Reformen in den heutigen Mitgliedsländern beschleunigen."