Ralph-Georg Tischer, Chef der Deutsch-Baltischen Handelskammer in Tallinn, versteht die Aufregung in der Heimat nicht. Er wisse nicht, was die Europäische Union dagegen haben sollte, dass der Fiskus in Estland auf Unternehmensgewinne, sofern sie im Betrieb verbleiben und nicht ausgeschüttet werden, keine Steuern erhebt.

Ganz ähnlich sieht das Tischers Kollege Ralf Sedelmayr in der slowakischen Haupstadt Bratislava. Er gratuliert der slowakischen Regierung ausdrücklich "zu ihrem Mut, eine starke Reform anzupacken und durchzuführen". Seit Januar kassieren die Finanzämter von allen Unternehmen und Bürgern in der Slowakei einheitliche Körperschaft- und Einkommensteuern von 19 Prozent – ein Satz, von dem Unternehmer in Deutschland nur träumen.

Die beiden Wirtschaftsvertreter sind sich einig. "Die Länder mussten etwas machen", erklärt Sedlmayr. Die Slowakei und Estland treten zusammen mit acht weiteren ost- und südeuropäischen Staaten am 1. Mai der EU bei. Die neuen EU-Mitglieder, deren Wirtschaftskraft und Wohlstand weit unter dem EU-Durchschnitt liegen, wollen möglichst schnell aufholen. Mit niedrigen Löhnen, einem unternehmerfreundlichen Arbeitsrecht und insbesondere geringen Steuern wollen sie ausländische Investoren ins Land locken.

Doch vor allem bei deutschen Politikern stößt der Steuerwettlauf, den die neuen EU-Mitglieder in Gang gesetzt haben, auf wachsenden Unmut – zumal diese Länder nach dem Beitritt auch noch milliardenschwere Zuschüsse aus Brüssel einstreichen werden, die wesentlich aus deutschem Steuergeld bestehen. Es könne nicht angehen, "dass Deutschland als größter Nettozahler der EU einen unfairen Steuerwettbewerb gegen sich finanzieren muss", beschwerte sich Bundeskanzler Gerhard Schröder – in seltener Übereinstimmung mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber – am vergangenen Wochenende. Der SPD-Fraktionsvize Joachim Poß drohte kaum verhohlen, "nötigenfalls" müsse "ein nicht zu rechtfertigendes Steuerdumping" auch "mit der Frage weiterer Finanzhilfen an die Beitrittsländer verknüpft werden".

Erst in drei Jahren geht der Verteilungskampf richtig los

CSU-Chef Stoiber wettert schon seit Wochen. "Niedrigste Löhne, niedrigste Steuern, höchste Förderung mit deutschen Steuergeldern – das verzerrt den Wettbewerb", monierte Stoiber am Montag erneut auf einer Sitzung des CSU-Parteivorstands. "Bei über 4,5 Millionen Arbeitslosen können wir es uns nicht leisten," so Stoiber, "die Abwanderung heimischer Arbeitsplätze mit den Steuergeldern der Bürger zu finanzieren."

Erstaunlich, dass Schröder, Stoiber & Co. das Streitthema erst jetzt entdecken. Die Beitrittsverträge wurden nach jahrelangen Verhandlungen bereits vor einem Jahr in Athen unterzeichnet. Seither steht fest, was den Neumitgliedern in den ersten drei Jahren (2004 bis 2006) insgesamt an Mitteln aus dem Brüsseler Haushalt zusteht: netto gut zwölf Milliarden. Auf die Deutschen, die 22 Prozent des EU-Budgets finanzieren, entfallen damit laut EU-Erweiterungskommissar Günter Verheugen zusätzliche Kosten von "weniger als eine Milliarde pro Jahr". Aber die Proteste aus Berlin und München sind erste Anzeichen dafür, wie hart der Verteilungsstreit wird, wenn die 25 alten und neuen Mitgliedstaaten im nächsten Jahr über den Finanzplan 2007 bis 2013 zu entscheiden haben.