Es ist ein Panorama des besseren Lebens, das sich am anderen Ufer der Oder entfaltet. Deutschland ist schön, das sieht jeder, der von S-lubice aus die Europabrücke nach Frankfurt überquert. Da ragt sie auf, die nordische Backsteingotik der Türme von Sankt Marien, vom Franziskanerkloster, vom Rathaus; die modernen Hochhäuser, der Oderturm und der Turm der Viadrina, der Europa-Universität ergänzen das Bild, künden von Prosperität. Aber was betritt derjenige, der aus Polen kommt – den reichen Westen? Oder den gescheiterten Aufbau Ost, der jetzt wieder alarmiert?

Wer sich nach der Passkontrolle dem Ufer zuwendet, betritt die dreisprachig angekündigte "Oderpromenade", "Promenada Nadodrzan’ska", "Oder Walkway", ein kilometerlanges Angebot für einen Massenauflauf von Flaneuren. Die Gestaltung ist so variantenreich, als sei sie von einer tätigen Bürgerschaft gestiftet. Die Pflasterung: Nie sind es weniger als vier, manchmal gar acht verschiedene Steinsorten, grauer Granit, rötliches Kopfpflaster, Granitplatten, grauer und roter Kunststein. Kleine Parkanlagen folgen, japanische Kirschbäume blühen, Skulpturen sind zwischen den Blumenrabatten verstreut; Bänke in grauem Granit oder Holz; ein renovierter Kran, historische Straßenlaternen, Edelstahlmanschetten für die Fluttore. Auch die Stadtkante am Rand der Republik kann sich sehen lassen. Die Rückseite der Klosterkirche, die Bibliothek, die Musikschule, die Konzerthalle Carl Philipp Emanuel Bach und ein einladender Mehrzweckbau in Glas und Holz, die Gedenkstätte der politischen Gewaltherrschaft mit einer verglasten Pergola, der barocke Packhof, das Stadtmuseum, alte Speicherbauten mit Läden und Restaurants, die Filiale der Deutschen Bundesbank in Sandstein und Glas, das neue Vorlesungsgebäude der Viadrina mit einer großen Glasfläche, aufgefaltet wie ein Buch und schließlich hinter dem Deich die Zukunft auf einer bunten Werbetafel: " Wohnen an der alten Oder. Preiswertes Wohnen in der Stadt, im Grünen, am Fluß. Gefördert durch das Ministerium für Stadtentwicklung".

Doch etwas drückt auf das Gemüt. Die Spannung zwischen Perfektion und Verlassenheit. Die Menschenleere. An diesem Freitagnachmittag, an einem herrlichen Frühlingstag trifft man auf drei Jungs, deren Skateboards an die Granitkanten knallen; in den langen Bankreihen sitzt ein junger Mann und liest, und auf der Terrasse des Restaurants Der Oderspeicher sind zwei Tische besetzt. Auch an anderen Tagen dominiert der Eindruck von Verlassenheit und einem zu groß geratenen Gewand. Der Kontrast zu S-lubice ist grell und auch unfair. Dort tobt die Schnäppchenjagd; die fryzjer- Läden, die Friseurläden, sind voll. Blumen, Zigaretten, Schnaps und alles, was die polnische Landwirtschaft bietet. Am polnischen Ufer herrscht Verwahrlosung, hektische Bautätigkeit und roher Handelsgeist. Am deutschen Ufer tritt einem öffentlicher Reichtum und Vollendung entgegen. Das Bild eines goldenen Zeitalters. Das Bundesufer in Bonn am Rhein kann da nicht mithalten. Aber gleichzeitig fühlt man ein Hungerleiden nach Zukunft. Das Ufer ist eine versteinerte Erwartung.

Ist es also nur eine Kulisse? Wer Frankfurt/Oder in der Nachwendezeit besuchte, erkennt es heute kaum wieder. Es war ein düsterer, fragmentierter Ort, mit großen Stadtbrachen. Das einzig Helle schien das Thai-Restaurant zu sein. Jetzt sieht man die Stadt wiedergekehrt. Der Stadtkern wurde rekonstruiert und verdichtet; die Stadträume, die Plätze haben klare Konturen, sind dezent und sichtbar unter Beteiligung des Denkmalschutzes entstanden. Die kitschige Stadtmöblierung, die westdeutsche Städte in den achtziger Jahren verunstalteten, gibt es weder hier noch anderswo in Ostdeutschland. Die neue Architektur versöhnt sich mit der Gotik und dem Barock der Stadtgeschichte, die sich selbst perfekt renoviert präsentiert. Hier ist etwas unzweifelhaft gelungen. Und dennoch bleibt die Leere: Urbanität um ihrer selbst willen.

Die Schönheit der Stadtbilder macht mehr und mehr aggressiv

Nein, auch Frankfurt ist keine Kulisse. Es ist vielmehr ein Paradigma für das Erscheinungsbild des Ostens überhaupt. Ganz gleich, ob es sich um die nähere Umgebung, um Schwedt, Angermünde oder Bad Freienwalde, handelt oder um Prenzlau, Havelberge, Wittstock: Es sind immer die perfekt gepflasterten Stadtkerne, die Skulpturen, die Fahrradständer, die renovierten Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert und die Backsteingotik. Der Reichtum an Jugendstil und Art déco in der Provinz lässt staunen. Und manchmal fällt der Blick auf ein renoviertes DDR-Kulturhaus mit Säulengiebel – ein letzter sozialistischer Palladio-Reflex –, das die Gemeinde pachtfrei einem Betreiber übergeben hat, damit es überhaupt läuft. Das wiederum bringt das notleidende Gaststättengewerbe im Ort auf die Palme. Bizarre Bilder: der leere Platz und die einsame Zuckerwattenbude in Bad Elsterwerda, der Patrouillengang der örtlichen Skinheads in Wittstock, der Vorwende-Imbiss in einer noch nicht gestalteten Ecke von Oranienburg, an dem sich drei Männer am Bier festhalten. Aber das sind Haarrisse im Bild.

Was sichtbar ist, vom Ostseestrand bis zum Erzgebirge, ist eine einzigartige flächendeckende Wiederkehr der historischen Stadt, der Geschichtslandschaft. Durch ganz Ostdeutschland ist eine Piazza-Epidemie gezogen und hat lebenswerte Orte geschaffen. Aber wird das auch wahrgenommen? Oft wurde ein Grad an Vollendung erreicht, den es vorher noch nie gegeben hatte. Die preußische Utopie Rheinsberg strahlt und lockt mit Opern junger Stimmen. Oder Bad Saarow in der märkischen Schweiz: Durch die Säulenhalle des neuen Thermalbades blickt man auf Kiefernwälder und See; am Seeweg die Gründerzeitvillen, edle Restaurants, gelassener Genuss. Die Liste dieser urbanen Utopien würde den Raum sprengen. Und dennoch macht die Schönheit der Stadtbilder mehr und mehr aggressiv, weil sie so flächendeckend ist, weil die Perfektion die Frage nach dem Geld und den Menschen rumoren lässt. Was bedeutet eine vollendete Stadtrenovierung, die aber auch gar nichts aussagt über die Wirtschaftskraft des Ortes? Warum waren keine realistischen, chaotischen, langsameren und mithin unzureichenden Entwicklungen möglich, wie sonst in Osteuropa? Welche panischen Energien waren da am Werk, die den Orten das DDR-Bild ausgetrieben haben, als könne man den Einwohnern ihre örtliche Existenz nicht mehr zumuten?

"Was wäre die Wahrheit, wenn sie nicht erschiene", heißt es bei Hegel. Aber bei der deutschen Einheit zählt nicht das Auge, sondern die abstrakte Struktur. Jetzt ist der Osten, nachdem die letzte Ostalgiewelle so versöhnlich auslief, wieder präsent, und zwar als ökonomische Katastrophe. Der Aufbau Ost, ein einziges Desaster, vor allem auch für den Westen, dessen wirtschaftliche Dynamik unter der Überlast der Einheit bedroht ist. Die Basisdaten zertrümmern das schöne Erscheinungsbild. Ostdeutschland in einem schlimmeren Gegensatz zum Westen als der Mezzogiorno zu Norditalien; die Wertschöpfungsquote bei 63 Prozent stagnierend; die Arbeitslosigkeit bei 20 Prozent; in der Mehrheit aller Städte sind der Staat und das Arbeitsamt die größten Arbeitgeber; 77 Prozent aller 25-Jährigen sind bereit, nach Westen abzuwandern – ein öffentlich alimentiertes Altersheim am Horizont.