Es ist schon absurd: Soeben hat die Weltfamilie noch an den Massengräbern von Ruanda getrauert und zum Gedenken an den Völkermord vor zehn Jahren ihr obligatorisches "Nie wieder!" heruntergebetet – und schon wieder schaut sie weg.

Ethnische Säuberungen? In Darfur? Wo liegt das überhaupt? Im Sudan. Ach so. Ist dort nicht schon seit einer halben Ewigkeit Krieg? Richtig. Der Bürgerkrieg im Süden des Landes brach im August 1955 aus; er lodert, unterbrochen von 1972 bis 1983, seit 39 Jahren. Wen würde da ein neuer Brandherd im Westen des Landes beunruhigen?

Die Rebellen, die sich vor Jahresfrist in Darfur erhoben, beschuldigen die Zentralregierung, ihre randständige Region systematisch zu vernachlässigen und die schwarze Bevölkerung zu unterdrücken. Natürlich sind die Ursachen des Konflikts komplizierter. Es geht um die uralte Konkurrenz zwischen arabischen und afrikanischen Volksgruppen, die sich mancherorts zur Feindschaft gesteigert hat, und es geht, wie überall, wo es dürr und glutheiß ist und die Erde nicht viel hergibt, um knappe Ressourcen, um Weideland und Wasserstellen, Wegerechte und Handelskontrolle.

Das Regime in der Hauptstadt Khartum versuchte, die Rebellion schnell zu ersticken, denn einen zweiten Kriegsschauplatz wie im Süden des Landes kann sie sich nicht leisten. Weil es ihr ohnehin an Soldaten fehlt, hat sie Stellvertretertruppen aufgerüstet, darunter die weitum gefürchteten Janjaweed, arabische Reitermilizen, die verbrannte Erde hinterlassen, wo immer sie auf ihren Rassepferden und Kamelen einfallen. Augenzeugen berichten, dass sie quasi im Regierungsauftrag hemmungslos rauben, morden, brandschatzen und vergewaltigen und dass die sudanesische Luftwaffe den Marodeuren oft das Schlachtfeld bereitet, indem sie die Dörfer bombardiert.

Die Beweise für einen regelrechten Ausrottungsfeldzug verdichten sich. "In meinem Dorf haben sie fünfzig Leute umgebracht. Mein Vater, meine Großmutter, ein Onkel und zwei Brüder sind tot", erzählte Idris Abu Moussa der New York Times. "Die wollen, dass kein einziger Schwarzer übrig bleibt." Der 26-jährige Bauer ist einer von 100000 Flüchtlingen, die sich hinüber ins Nachbarland Tschad gerettet haben. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind insgesamt eine Million Menschen auf der Flucht. Mukesh Kapila, der UN-Beauftragte für Nothilfe im Sudan, spricht von der derzeit "größten humanitären Katastrophe der Welt" – und wundert sich, warum die Welt so wenig dagegen unternimmt.

Die Antwort klingt so einfach wie zynisch. Weil der Westen des Sudan nicht die geringste sicherheitspolitische oder ökonomische Bedeutung hat. Darfur hat nicht einmal eine Variante jenes "Krieges der Kulturen" zu bieten, der dem Süden des Landes eine gewisse Nachrichtentauglichkeit und mitunter sogar die Aufmerksamkeit Washingtons sichert.

Denn dort kämpfen, grob vereinfacht, arabische Islamisten gegen afrikanische Christen und Animisten, und die Kreuzritter unter den Republikanern reden gerne von Christenverfolgung. Hinzu kommt, dass am Oberen Nil beträchtliche Ölfelder vermutet werden. In Darfur hingegen gibt es kein Schwarzes Gold, keine strategischen Rohstoffe, nichts. Und im aktuellen Konflikt sind sowohl die Täter als auch die Opfer zumeist Muslime – der einzige Unterschied liegt im Braunton ihrer Haut.

Der FDP-Politiker Gerhart Baum geht sogar so weit, die offenbar systematisch ausgeführten Massaker einen Völkermord zu nennen. Er kennt den Sudan sehr genau, die UN hatten den ehemaligen Bundesinnenminister als Sonderberichterstatter für Menschenrechte dorthin entsandt. Baum ruft in einem dramatischen Appell die internationale Gemeinschaft auf, die Gewaltexzesse zu stoppen und die Region für humanitäre Hilfe zu öffnen. Ceterum censeo: Wen kümmert schon eine gottverlassene Gegend namens Darfur, wenn der Irak brennt? Außerdem: Verhalten sich die Sudanesen nicht selber völlig gleichgültig? Seit Jahr und Tag laufen Friedensverhandlungen für den Süden, der Krieg im Westen, sagen Beobachter, sei bislang noch nicht einmal erwähnt worden.