Tanger, die Stadt der rastlosen Dichter und vom Hasch benebelten Banditen, die Stadt von Paul Bowles und Jean Genet, das Tor nach Afrika, die Schwelle zu Europa, Tanger mit seinen alten, auf den Bergen thronenden Häusern, in denen Dandys, Maler und eine Hand voll Aristokraten wohnen, Tanger mit seinen umherirrenden Touristen und seinen verborgenen Reizen – sollte diese Stadt etwa in eine kleine Depression verfallen sein, ihre innere Ruhe verloren haben? Tanger ist am 11. März 2004 mit großem Unbehagen erwacht: Die Bombenleger von Madrid-Atocha, die Terroristen, die ein schlimmes Massaker an unschuldigen Menschen verübt haben, sind fast alle Marokkaner, genau genommen aus Tanger. Sollte diese mediterrane Stadt etwa Hort des absolut Bösen sein?

Armut oder Religion sind keine Erklärungen mehr für den Terror

Plötzlich starrt die ganze Welt auf die Stadt am Meer. Richter, Polizisten, Politiker, Journalisten sind angelandet, um die Spuren der Mörder nachzuverfolgen, ihre Wohnungen aufzusuchen, ihre Aufenthaltsorte, ihre Familien, ihre Freunde. Sie sind auf Menschen gestoßen, die noch immer unter Schock stehen, Nachbarn, die nichts Auffälliges bemerkt haben, Familien, die sich nicht vorstellen konnten, was ihr Sohn, ihr Neffe oder ihr Bruder neben ihrer Arbeit getrieben haben. Sie fielen aus allen Wolken. Nichts hatten sie mitbekommen, am wenigsten Mohamed Zougam, 53, Vater von Jamal, dem Hauptangeklagten der Attentate von Madrid. Nie zuvor haben sich so viele Menschen für ihn und seine Familie interessiert. Er sagt allen Besuchern dasselbe: "Ich habe meinen Sohn gut erzogen, einen schlechten Menschen erkennt man am Gesicht; er ist kein schlechter Mensch. Er wollte nach Spanien reisen, um zu arbeiten und mich finanziell zu unterstützen; ich war dagegen, aber er ist trotzdem gefahren. Seit diesem Zwist habe ich mich von ihm losgesagt, das war vor drei Jahren. Am Tag des Anschlags, am Donnerstag, hat er seine Mutter angerufen, um ihr zu sagen, dass alles in Ordnung ist."

Mohamed ist ein einfacher Mann, ein kleiner Händler, und lebt getrennt von Jamals Mutter. Er räumt ein, dass Jamal sich in den vergangenen drei Jahren verändert hat. Er sagt, er sei weniger ausgegangen, auch nicht mehr an den Strand, er habe sich nicht mehr so amüsiert wie früher. Etwas war geschehen, und Mohamed konnte sich nicht vorstellen, was sich im Kopf dieses Sohnes abspielte, den er nur hin und wieder sah.

Woran erkennt man einen Terroristen? Was für ein Profil hat jemand, der an einem viel besuchten Ort eine Bombe legt? Es auf die Armut zu schieben, war bequem. Not, ärmliche Behausungen, die schreienden Ungerechtigkeiten zwischen den Menschen in ein- und derselben Stadt, Verzweiflung – all diese Elemente ergaben zusammengenommen plausible Erklärungen. So kamen auch die meisten Selbstmordattentäter, die sich am 16. Mai 2003 in Casablanca in die Luft sprengten, aus dem Elendsviertel Sidi Moumen, einem Ort, wo man einen Vorgeschmack auf die Hölle bekommt. Doch die Terroristen vom 11. März sind anders vorgegangen, haben ein völlig anderes Profil. Zunächst einmal waren es keine Selbstmordattentäter. Sie waren nicht arm und auch keine Analphabeten. Was nun? Die Menschen wollen verstehen. Die Politiker wollen den Bürgern einleuchtende Erklärungen liefern. Die Richter führen ihre Befragungen durch, gelangen zu manch einer nebulösen Erkenntnis, aber es gelingt ihnen nicht, ein zugrunde liegendes Muster aufzudecken, das alles erklärt. Armut taugt nicht mehr als Antwort. Religion auch nicht.

Wer sind diese Leute, die man festgenommen und befragt hat? Jedenfalls waren es keine kurzentschlossenen Abenteurer. Alle waren in Spanien etabliert, einige mit doppelter Staatsbürgerschaft, alle hatten Arbeit, wenn auch eine geringfügige Beschäftigung, ihre Familien leben in Marokko. Wie jeder Immigrant reisten sie oft dorthin, sie schickten ihren Familien Geld, brachten dem einen oder anderen Geschenke mit. Die meisten sind um die dreißig, nicht alle tragen Vollbart. Vor allem haben sie französische Gymnasien besucht.

Nehmen wir Abdelkrim Mejjati (36), den die spanische Polizei als mutmaßlichen Drahtzieher der Attentate vom 11. März identifiziert hat und den das FBI als "mögliche Bedrohung für die Vereinigten Staaten" bezeichnet. Er wird auch von der marokkanischen und saudi-arabischen Polizei gesucht, weil er eine wichtige Rolle bei den Attentaten von Casablanca und Riad gespielt haben soll. Der Name Mejjati steht für einen großbürgerlichen Familienclan aus Fes, der Abkömmlinge in Taza haben soll, nordöstlich von Fes. Abdelkrims Mutter ist Französin, er hat einen französischen Pass (sehr wichtig für die Mobilität), sein Abitur machte er am französischen Gymnasium von Casablanca, dem Lycée Lyautey, wo der Lehrplan derselbe ist wie an den Gymnasien Frankreichs, also laizistisch, modern und weltoffen. Danach lebte er in den Vereinigten Staaten. Verheiratet mit einer Amerikanerin tunesischer Abstammung, entspricht dieser Mann ganz und gar nicht dem Profil des radikalen Islamisten, der nur Arabisch spricht. Dieser Mann, der aus einer Mischehe hervorgegangen und selbst eine Mischehe eingegangen ist, müsste nach den Gesetzen der Logik und der Vernunft ein verwestlichter Marokkaner sein und sich darüber freuen. Was ist geschehen, dass dieser Sohn aus guter Familie und Halbeuropäer sich zum radikalen und mörderischen Islamismus bekannt hat? Nach Polizeiangaben ist er Mitglied einer "Marokkanischen Gruppe Islamistischer Kämpfer", einer verbotenen Organisation mit Kontakten zu al-Qaida, gegründet 1998 in Afghanistan durch Mohamed El Guerbouzi, der von der marokkanischen Polizei gesucht wird.

Jamal Zougam und sein Halbbruder Mohamed Chaoui waren in ihrer Erscheinung und ihrem Verhalten alles andere als religiös. Sie frönten in Spanien dem süßen Leben, wie Zeugen berichten. Auch in den Lebensläufen der übrigen Täter deutete nichts darauf hin, dass sie einmal Terroristen werden sollten. Vielleicht erleben wir gerade die Entstehung einer neuen Klasse von Terroristen, Leute, die beinahe zufällig ausgewählt werden, ohne Indoktrination oder religiöse Unterweisung. Jemand sagt ihnen einfach, welche Gegenleistung sie erbringen müssen, um in einer Stunde 10000 Dollar zu verdienen. Ich habe einmal einen hochrangigen Beamten vom marokkanischen Geheimdienst getroffen, der mich in die Ergebnisse seiner Recherchen einweihte. Unter der Bedingung, anonym zu bleiben, verriet er mir: "Es ist heute sehr beunruhigend, dass wir es nicht mehr mit Vollbärtigen zu tun haben, die wirres Zeug reden und hochgradig fanatisiert sind. Nein, inzwischen treffen wir auf junge Menschen, die nicht einmal mehr in die Moschee gehen, Leute, die Arbeit und Familie haben und sich für 10000 Dollar kaufen lassen. Sie werden einige Tage vor den Attentaten rekrutiert. Man bittet sie, einen Koffer oder eine Tüte an einem bestimmten Ort zu deponieren, die Hälfte der Summe wird ihnen vorgestreckt, die andere Hälfte bekommen sie hinterher. Sie deponieren das Ding nicht am Anschlagsort, sondern in irgendeinem Laden, dort tauchen andere Typen auf, die mehr wissen und die ‚Ware‘ dorthin befördern, wo sie explodieren soll. Sehen Sie, es sind kleine Gauner, die ihr Monatsgehalt mit Drogenhandel oder derartigen Diensten aufbessern. Auf diese Weise verwischen die Spuren, und die Sache wird kompliziert."