musikDie Fantasie Gottes

Auch die Spätwerke des Jazzers Cecil Taylor sind grandiose Zumutungen von Konrad Heidkamp

Diese Musik ist ein Schock. Seit fünfzig Jahren. Als bewege man sich auf sicherem Boden, stürze plötzlich bodenlos in die Tiefe und registriere im Fallen ganz ruhig, was man längst für verschollen hielt. Seit fünf-zig Jahren versucht man ihn zu ignorieren, stehen sich fassungslose Begeisterung und konsequente Ablehnung gegenüber: Für die einen verkörpert dieser Mann, der am 15. März 75 Jahre alt wurde, die geniale Verschmelzung von Kunst und Leben, die anderen laden ihm alle Schuld der Jazz-Welt auf, publikumsferner konnte keiner spielen.

Cecil Percival Taylors schwarzindianische, bildungsbürgerliche Herkunft, seine homoerotische Aura und akademische Ausbildung – die früh verstorbene Mutter gab dem Jungen Schopenhauer zu lesen und zwang ihn ans Klavier – widersprachen jeder Erwartung an das Rollenmodell des Jazz-Musikers. Zwar leistete er die frühe Fron des Musikrevolutionärs ab – verzweifelte Kollegen, erboste Clubbesitzer, Konzertveranstalter, die den Steinway vor seinen hämmernden Händen wegschlossen und jahrelange Neben-Jobs – doch blieb er auch später uneinsichtig, wurde nicht altersmilde, besann sich nicht auf den Blues, den Bebop oder die Partitur als Fortsetzung der Improvisation mit anderen Mitteln. Wie sein einziger überlebender partner in crime aus Texas, der harmolodische Free-Jazz-Saxofonist Ornette Coleman, bewegt er sich weiterhin als musikalische Monade in einer Welt, die Kunst als Design und Überlebensdekoration versteht.

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Elegische Klaviertöne aus dem Hintergrund, ein verlorenes Streichen von Geige, Bass und Cello, es ist das Einstimmen eines Orchesters, das in der folgenden Stunde hochkocht, das, vom Brodeln dunkler Klavierblasen durchzogen und hochgepeitscht, eruptiv sich in eine Klang-Landschaft von Mahlerscher Größe ausbreiten wird. Doch das Einstimmen gehört bereits zum Werk, es ist Cecil Taylors Weg, den Übergang von dieser Welt in die Kunst zu finden. Legendär und zugleich alltäglich sind seine stundenlangen Exerzitien am Flügel, oft acht Stunden am Tag, drei Stunden lang vor dem Konzert – keine Gespräche, keine Interviews – bis er es nicht mehr erwarten kann und zu spielen beginnt, noch bevor sich das Publikum gesetzt hat und endlich zur Ruhe kommt. Der Aufnahme vom September 2000 mit dem Italian Instabile Orchestra gingen drei Tage verwirrender Proben voraus, voller Skizzen und geflüsterter Anweisungen, Aufforderungen zur Klangerforschung, bis ins Detail ausgearbeiteter Harmoniefolgen, um dann im Konzert dies alles zu vergessen und sich selbst zu spielen. Proben sind ihm Initiation, dienen als Befreiung der Musiker, die sich dann in Klangflächen verlieren oder melodieselig jubilieren. The Owner Of The River Bank wird zu einem ergreifenden Orchesterwerk des Jazz, steht neben Duke Ellingtons, Barry Guys oder Charles Mingus’ Aufnahmen, ist großes Musiktheater, wie alle Werke Cecil Taylors der Physis ebenso nahe stehen wie der Flüchtigkeit der Töne.

Doch zugleich erweist sich jede grandiose Aufnahme Cecil Taylors – und innerhalb der rund einhundert Alben sind das wohl ein Dutzend – als Beleg für die Absurdität der musikalischen Konserve. Man muss dieses Tanztheater vor Augen haben, wie er mit tausend schnellen Fingern die Tasten bespringt, Cluster erzeugt, wie er in großen Atembewegungen Töne nicht spielt, Räume lässt, Räume, die man sehen muss, um sie zu hören. Jenes allzu mystisch klingende Eintauchen des Improvisators in den Strom der Inspiration, jenes "mit dem Fluss der Existenz in Berührung kommen" (Eddie Prévost), wird selten offensichtlicher – das Umschlagen von unglaublicher Technik zu dem Sich-im-Spiel-Verlieren bis zum Zustand des Gespieltwerdens.

Alles an ihm ist grundsätzlich und doch undogmatisch privat, stellt infrage, was alltags wie und wo gehört wird – ein Jean-Luc Godard der Musik. Wer Schallplatten von Cecil Taylor besitzt, legt sie selten auf, zu fordernd ist diese Musik. Ob es frühe Alben mit großen Besetzungen sind wie Conquistador oder Unit Structures, Solowerke wie Indent oder For Olim oder das Jahrhundertprojekt mit 14 CDs in Berlin ’88, immer schließen sie die Welt aus – entweder, oder. Auch Incarnation, eine Quartett-Aufnahme aus Berlin – Standort von FMP, jener Plattenfirma, die zur europäischen Heimat Cecil Taylors wurde – bewahrt jenen Gestus, der weder Alter noch Zeit kennt. Wie Tänzer versuchen, sich von den physischen Beschränkungen zu befreien, so hat sich Taylor von den Grenzen des Klavierspielens gelöst, so choreografiert er seine Mitstreiter: zu einem Ballett aus Cello, Gitarre und Schlagzeug. Ein Weggefährte im Geiste, Tony Oxley, meinte einmal: "Um dieses Niveau an Ausdauer und Spannung zu erreichen, musst du an Dingen arbeiten, die dir vielleicht davor gar nicht so wichtig schienen, zum Beispiel das Atmen. Du brauchst die Ausdauer eines Athleten und die Phantasie Gottes."

Hört man Solo-Konzerte wie jene grandiose Aufnahme vom September 2000 aus dem schweizerischen Willisau, meist eine einstündige Tour de Force mit zwei, drei Miniaturen als Zugabe, dann geht es nicht um Verstehen im Sinne von Beherrschen, sondern um Erfahren von musikalischen Architekturen, von lichtdurchfluteten Zimmern, dicht gefüllten Kammern und langen Fluren. Wo bei anderen lineare Melodik zu verfolgen ist oder ein Fortschreiten der Harmonik, komprimieren und entzerren sich bei Taylor Tonkonstrukte räumlich. Es klingt, als konzentriere sich das Leben auf diesen einen Raum, als fülle es ein "Jetzt", aus dem sich alles entwickelt. Cecil Taylor: "Improvisation ist ein Werkzeug der Verfeinerung, ein Versuch, den ,dunklen‘ Instinkt einzufangen." Kein Wunder, dass Improvisation, die nicht Variation über Bekanntes meint, sondern wochenlanges Leben in einer Stunde verdichten will, die analoge oder digitale Rezeption überfordert. "Könntest du mal die Musik leiser machen?"

Ein Leben lang gilt der Mann, der in Brooklyn lebt und den Champagner liebt, als radikaler Neuerer und blieb doch der reinen Tonerzeugung treu, dem akustischen Flügel, kämpft mit einem Instrument, das alles zugleich sein kann: Sinfonieorchester und Kirchengemeinde, Klanggemälde und Melodiegenerator, Akkordgerüst oder jene berühmten 88 gestimmten afrikanischen Trommeln eines Schamanen, um das Taylor-Klischee zu reproduzieren. Er muss sich anschleichen, in jenen Wollsocken und Leggins, die zum Bühnenritus gehören, den Flügel wie ein Totem umtanzen, ihn mit Lauten und Gedichten besprechen, bevor er sich an ihn setzt, ihn zum Klingen bringt, zum Ausspeien von Prophezeiungen und Visionen, von Liebe und Zärtlichkeit. Das ist keine Revolution, es ist die Rückkehr zum Ursprung von Kunst.

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  • Schlagworte Musik | Ausdauer | Cello | Berlin | Brooklyn | Texas
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