Das Jahr in Berlin verläuft so: Februar Karnevalsumzug. Mai Karneval der Kulturen. Juni Christopher Street Day. Juli Love Parade. September Marathon. Fünf große Umzüge oder Paraden! Die Fuck Parade, den Halbmarathon und den Ostermarsch habe ich nicht einmal mitgezählt. Ich schaue mir das meistens auf der Straße des 17. Juni an. Früher habe ich auch das Kind mitgenommen. Eines Tages habe ich gemerkt, dass sie auf den Wagen Geschlechtsverkehr ausüben. Ich finde, vor Kindern tut man so etwas nicht. Können diese Menschen nicht wenigstens, wie alle anderen Berliner, zur Ausübung des Geschlechtsverkehrs die paar Schritte bis in den Tiergarten gehen?

Immer wenn in Deutschland zwanzig Leute etwas Neues tun, kommt irgendwann der Einundzwanzigste daher und sagt: "Hey, Leute, das hier ist der Anfang von einem neuen Faschismus. Wehret den Anfängen!" Das geht mir auf die Nerven. Dieses dauernde Faschismusgewarne hat inzwischen etwas durch und durch Faschistisches. Als die Love Parade immer größer wurde, hieß es: "Spaßfaschismus." Ich schrieb ein Essay. Meine These lautete: "Die Love Parade ist laut, schmutzig, ordinär, infantil, eindimensional, bräsig, ekelig, niveaulos, verkommen, dekadent und dehydrierend. Faschistisch ist sie nicht." Mir wurde von mehreren Seiten Verharmlosung der Love Parade vorgeworfen. Ich würde den Anfängen nicht genug wehren.

Dann sagte ich: "Die Love Parade ist ein pervertierter, gentechnisch veränderter Ausläufer der Hippiebewegung. Beweis: Das Symboltier der Hippies war der Schmetterling. Das Symbolwesen der Love Parade heißt Dr. Motte. Obwohl Privatdozent Fruchtfliege zu seiner geistigen Potenz besser passen würde." Ein Redakteur kam und sagte: "Scherze über Namen macht man nicht." Ich antwortete: "Und Namen, die einer sich selber ausgesucht hat?" Der Redakteur ging schweigend aus dem Zimmer.

Wenn du in Deutschland etwas kritisierst, wird deine Kritik überhaupt nicht ernst genommen, solange du nicht sagst: "Dies erinnert an die dunkelsten Kapitel unserer Geschichte." Immer wenn ich auf der Potsdamer Straße anfange, Leute zu ohrfeigen und als üble Subjekte zu beschimpfen, zucken sie bloß mit den Achseln, zwinkern einander lustig zu und flüstern: "Bisschen viel getrunken, der Alte." Ich muss rufen: "Ihr seid alle Nazis!" Dann reagieren sie. Im Lokal, wenn die Suppe nicht schmeckt, muss man rufen: "In meiner Suppe schwimmt ein Nazi!" Dann kommt der Kellner sofort.

Es hieß, die Love Parade werde abgesagt, weil Berlin kein Subventionsgeld mehr für sie hat. Dazu sage ich: Die Hippies, die Surrealisten, Greenpeace, die KPdSU, Rainer Langhans, die Rolling Stones, Beate Uhse und der Mainzer Karneval sind auch ohne Subventionen des Berliner Senates ausgekommen. Geht meinetwegen mit der Love Parade und der Fruchtfliege nach Leipzig und übt den Geschlechtsverkehr auf den Zinnen der Moritzbastei aus. Mag sein, dass ich den Anfängen nicht genügend gewehrt habe. Aber niemand soll behaupten können, ich hätte nicht laut genug die Enden gelobpreist.

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