An einem Tag im Winter wurde ich alt. Im Januar. Mitten in einer sternenlosen Nacht. Und es dauerte etwa fünf Sekunden. Ich stand an einer Baseler Open-Air-Schneebar, die ein paar Künstler zusammengepappt hatten in einem Künstlerhaushinterhof mit herangekarrtem Schnee von irgendwo. Sie sah sehr schön aus, diese weiße, kalte Theke, in der sonst schneelosen Stadt. Dort holte ich mir zwei Drinks. Es waren nicht die ersten. Den einen in der Linken, den anderen in der Rechten, ging ich hinunter in den Keller, wo Disko war. Aber ich kam nicht in den Keller - nicht sofort und nicht so wie geplant. Ich rutschte auf der ersten Stufe der Betontreppe aus. Schuld daran waren die nassen Gumminoppensohlen meiner adidas-Schnürstiefel Modell GSG-9, die wohl eher für Mogadischu geeignet sind denn für den hiesigen urbanen Wintereinsatz. Hart schlug ich auf dem Steißbein auf der erstaunlich kantigen Kante auf. Ich weiß nicht mehr, ob ich schrie oder überhaupt etwas sagte, "ups" zum Beispiel. Die verschütteten Drinks spritzten in das Treppenhaus, Flüssigkeit brannte im Auge. Ich dachte noch, als ich aufschlug: "Oje, das schöne T-Shirt versaut - die Flecken gehen nie mehr raus." Dann dachte ich einen Moment nichts mehr, weil Schmerz kurzfristig allen Platz einnahm. Ich fiel die Treppe runter. Schlitterte. Rutschte. Unten an der Treppe angekommen, lag ich da. Schock. Stand auf. Jemand half mir. Ich schüttelte die Knochen. Es tat weh, aber bald nicht mehr sehr. Nichts gebrochen? Nichts gebrochen! In einem Becher war noch etwas vom Drink. Ich schüttete ihn mir rein. Dann ging ich in den Keller und tanzte, als wäre ich ein junger Hund. Schließlich war ich ein Mann Mitte 30, dem so ein Treppensturz nichts anhaben kann. Dachte ich. Doch ich dachte falsch. Es sollte für eine Weile meine letzte Party gewesen sein.

Am nächsten Tag konnte ich mich kaum noch bewegen. Meine Freundin stieß einen Schrei des Erschreckens aus, als sie mich im Bett liegen sah, auf dem Bauch wie ein halb totes Riesenreptil in Unterhose. Man nennt es Hämatom, aber es sieht viel schlimmer aus, als es klingt. Das Gesäß, der untere Rückenbereich, die Rückseite der Oberschenkel: ein Farbenspiel der unangenehmen Sorte. Schwarz, Dunkelrot. Hämatom: Die Ansammlung von Blut außerhalb der Blutbahn in den Weichteilen. Und zwar von der Kategorie, welche die Ärztin auf der eiligst aufgesuchten Notfallstation sagen ließ: "Oh shit!" Und dann natürlich Prellungen der übelsten Art. Ich sah aus wie ein Zombie. Und ich fühlte mich auch so.

Einen Monat lang schleppte ich mich durch die Stadt, als sei ich ein alter, alter Mann. Täglich geschluckte Ponstan 500 von Pfizer waren meine treuen Begleiter. Fünf Meter gehen. Warten, bis die Schmerzen wieder auszuhalten waren. Weitergehen. Es ist schrecklich zu erfahren, wie zerbrechlich man ist. Ein bisschen Fleisch, Knochen, ein paar Liter Blut: Das ist der Mensch. Der Mensch, der seinen Meister in einer Kellertreppe gefunden hat. Und irgendwann kam es mir in den Sinn: Ich fühlte mich nicht nur wie ein alter Mann. Ich war ein alter Mann. Ich war alt geworden. Ich wollte es bis dahin bloß nicht wahrhaben.

Und dann kam auch schon mein Geburtstag herangerast wie eine Lokomotive: 35 Jahre. Das klingt nicht so schlimm. Aber 35 ist nicht einfach nur 35, sondern die Hälfte von 70. Alle sagen, mit 40 fängt die Krise an. Aber das stimmt nicht. Die Fahrt in den Tunnel beginnt mit 35. Das Alter, in dem man langsam aufhören sollte, mit ironischen Sprüchen bedruckte T-Shirts zu tragen. Oder Cargo-Hosen. Oder Skateboard zu fahren.

Ich erinnerte mich: Als ich jung war, ging ich ständig aus. In Bars. Zu illegalen Partys. In Klubs. Der Tag war nicht fertig, bevor der Morgen angefangen hatte. Heute? Bin ich gerne zu Hause. Ich sitze gerne auf dem Sofa. Sonntags Tatort statt Tanzen. Samstags auch schon mal - natürlich ironisch gebrochen, aber trotzdem - Wetten, dass ...?. Ich schätze immer mehr das Kochen im privaten Rahmen. Freunde einladen (wenn möglich zu sich nach Hause, dann muss man danach zwar ein bisschen aufräumen, aber man ist schon daheim und hat es nicht weit ins Bett, wo ich gerne immer länger immer früher bin und noch ein paar Seiten lese, bevor ich einschlafe). Selber Pasta machen. Soßen, die sechs Stunden kochen. Plötzlich ertappe ich mich dabei, wie ich dicke Bildbände aus dem Taschen-Verlag kaufe wie The Hotel Book - Great Escapes Asia und über Ferien in teuren Hotels nachdenke. Spaziergänge werden immer länger. Ich rede gern über gemachte und noch nicht gemachte Wanderungen im Bündnerland und zeige meine neu gekauften Wanderschuhe von Lowa, als wären es die neuesten, coolsten, hipsten Sneakers von Nike - und plötzlich ist es geil, einen Leki-Teleskopwanderstock aus Titanium zu besitzen.

Und wenn ich mal ausgehe und ein Glas zu viel trinke, oder zwei, oder drei, und ein paar Zigaretten rauche, obwohl ich eigentlich nicht mehr rauche, dann ist der nächste Morgen knüppelhartes Leben. Und nicht nur der Morgen. Früher steckte man einen Kater locker weg. Ein Alka-Seltzer und ein Lächeln, und die Sache war gegessen. Heute? Einmal über die Stränge schlagen - drei Tage krank. Siechtum. Schleichen. Jammern.

"Kommst du mit ins Konzert von Saalschutz?", wollte ein Kollege wissen. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. "Saalschutz?", fragte ich ihn.