Jugend Mann, bin ich alt!Seite 2/2

»Ja«, sagte er, »Saalschutz«, und er fing an zu singen, falsch, aber immerhin: »>... wir sollten eine Party feiern, wie wenn es 1999 wär ... ich will zurück nach 1999 ... Jubel, Trubel, Diskokugel - kennst du doch, oder? Saalschutz. Extrem geile Band.«

»Saalschutz?«, fragte ich erneut ungläubig.

Eine neue Band - und ich hatte noch nie etwas von ihr gehört. Ein weiteres Indiz. Früher wusste ich alles über Musik, oder wenn nicht alles, so doch sehr viel. Ich sagte Sprüche wie »Über Musik Bescheid zu wissen, das ist Bürgerpflicht!«. Ich kaufte Spex nicht bloß, sondern las sie sogar. Wöchentlich klapperte ich meine Lieblingsplattenläden ab. Heute kaufe ich mir gerne mal einen »Sampler« und lieber noch DVDs, für einen gemütlichen Abend. Einfach mal wieder einen James Bond gucken. Wann war ich zum letzten Mal in einem Rock-Konzert? Ich weiß es nicht. Und im Fußballstadion? Lieber gedeckte Tribüne als Stehplatz.

Damit wir uns richtig verstehen: Es ist nicht wirklich schlimm, alt geworden zu sein. Anfangs erschrak ich ein bisschen. Aber dann war ich einfach nur froh, dass ich es rechtzeitig erkannt hatte. Treppensturz sei Dank. Was gibt es Schlimmeres, als alt zu werden und es nicht zu bemerken? In einem Klub zu stehen und das Revival der Musik zu erleben, mit der man aufgewachsen ist? Auf einer Party zu sein und zu merken, dass man der Älteste ist? Oder auf einer Party zu sein, auf der alle anderen noch älter sind und der DJ Born to Be Wild auflegt? Am Kiosk die Zeitschrift Neon zu kaufen - für jene, die glauben, sie sollten »eigentlich erwachsen werden« - und das Blatt verstehen zu wollen? Dann lieber Rückzug in Würde, Abgang mit Anstand. Ich möchte nicht so enden wie manche, die ich kenne: Seit 20 Jahren stehen sie in derselben Bar, trinken dasselbe Getränk, erzählen dieselben Sachen, die Sprache angereichert mit Sätzen, die das Wort »früher« beinhalten. Wenn die Bar schließt, gehen sie alleine heim, wo niemand auf sie wartet.

Es gibt ein kritisches Alter für alles im Leben (mit 25 sammelt man ja auch keine Pok‚mon-Karten, oder?). Keine Partys mehr für mich. Oder anders gesagt: Vielleicht ist die Zeit der Witze vorbei. Vielleicht fängt jetzt das richtige Leben an. Nun, vielleicht nicht das »richtige Leben«, aber doch ein anderes. Oder nochmals anders gesagt: Vielleicht ist es einfach an der Zeit, endlich Kinder zu machen. Ich denke: Ja.

PS: Also, ich bin zufrieden mit meinem Leben, so wie es jetzt ist, als junger alter Mensch. Sollte ich aber irgendwann anfangen, davon zu sprechen, dass ich gerne mal in die Oper gehen, Gedichtbände von Odysseas Elytis oder eine »CD Box mit Hits aus den Sixties« kaufen würde, sollte ich mich je dahingehend äußern, mir einen Porsche Boxster anschaffen zu wollen oder anfangen, Golf zu spielen, sollte ich je mit einem Hut auf dem Kopf anzutreffen sein oder mit einer gestreiften Krawatte oder gar karierten Hosen, dann soll mir bitte jemand fest auf den Kopf schlagen.

PPS: Ich habe mich nun informiert. Die CD von Saalschutz heißt »Das ist nicht mein Problem« und erschien bei Zick Zack. Mein Kollege sagte: »Hey, das ist Botox für die Ohren.« Ich weiß nicht.

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 22.04.2004 Nr.18
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