New York
Im Januar 2001, wenige Tage vor Amtsantritt, schickt der künftige US-Vizepräsident Richard Cheney dem alten Verteidigungsminister William Cohen eine kleine Notiz. "Wir müssen den neuen Präsidenten über ein paar wichtige Fragen informieren", schreibt er. Nicht das Standard-Briefing der alten für die neue Regierung wünscht sich Cheney. Nicht die übliche Tour d'Horizon durch die Krisenregionen der Welt. Cheney möchte, dass sich der Minister bei seiner Präsentation beschränkt und George Bush vor allem in eine ernsthafte "Diskussion über den Irak und die verschiedenen Handlungsoptionen" verwickelt.

Diese Episode aus dem Innern der Macht findet sich in Plan of Attack, Bob Woodwards neuem Recherchebuch über die Vorgeschichte des Irak-Krieges. Es ist Anfang der Woche erschienen und hält Washington seither in Atem. Nicht nur belegt die kleine Episode, wie bedroht sich einige Mitglieder der neuen Regierung durch den Irak fühlten, und zwar von Anfang an. Sie zeigt vor allem, wie das neue Team in Washington mit Informationen umgeht: Richard Cheney kanalisiert den Nachrichtenfluss. Seine erste Amtsaufgabe sieht er (schon vor Amtsantritt) darin, den neuen Präsidenten zu steuern. Er verändert das über zwei Jahrhunderte eingeübte Ritual der Machtübergabe entscheidend: Nicht die alte Regierung informiert die neue; die neue Regierung sagt, was sie hören will. Aus heutiger Sicht liegt darin der Urgrund all jener Probleme, in die diese Regierung Amerika, die Welt und sich selbst gestürzt hat.

Vielfach ist behauptet worden, die Bush-Administration sei ohne außenpolitische Vorstellungen ins Amt gekommen und habe dann in der Krise radikal reagiert. Bob Woodwards Buch zeichnet präzise nach, dass das Gegenteil richtig ist: Mit fest gefügten Vorstellungen über Amerika und die Welt angetreten, kann ein Flügel der Regierung die Terrorkrise für die eigene Agenda nutzbar machen.

Am 11. September 2001, nur Stunden nach dem Terroranschlag, versammelt der neue Verteidigungsminister Donald Rumsfeld seine Mitarbeiter. Es ist 14.40 Uhr, im Lagezentrum des Pentagon liegt Trümmerstaub. Beißender Rauch kriecht in die Nasen. Rumsfeld lässt diskutieren. Ein Beamter protokolliert. Danach überlegt der Minister "to hit S. H. @ same time - not only UBL". S. H. steht für Saddam Hussein, UBL für Usama Bin Laden. Rumsfeld will beide gleichzeitig angreifen und gibt den Auftrag, "die Verbindung" zwischen beiden zu erforschen - eine Idee, die ihn bis heute nicht losgelassen hat. Am folgenden Tag wirft er im Kriegskabinett die Frage auf, ob der Anschlag wohl "die Möglichkeit" eines Angriffs auf den Irak eröffne. Colin Powell, der Außenminister, lässt sich mit einer Frage zitieren: "Wie kann man diese Kerle bloß wieder einfangen?"

Bush sucht nach der großen Idee, um nicht nur Fliegen zu klatschen

Bob Woodward hat für sein Buch fast vier Stunden lang den Präsidenten interviewt. Und weil sich der Chef nicht verschließt, tut es auch sonst fast niemand in Washington. Ferner verarbeitet Woodward persönliche Notizen, Kalendereintragungen, Telefonaufzeichnungen, Memos, Briefe und amtlichen Schriftverkehr. Herausgekommen ist ein Panorama jener sechzehn Monate von November 2001 bis März 2003, die George Bush und seine Amtszeit prägen. Plan of Attack ist deshalb die bislang beste Materialsammlung zu dieser umstrittenen, bisweilen rätselhaften Präsidentschaft.

Woodwards Bücher sind in Washington mehr als zeitgeschichtliche Kommentare. Sie werden zu politischen Ereignissen. Als Watergate-Enthüller berühmt geworden, ist Woodward heute die journalistische Autorität des Landes. Seine Rekonstruktionen sind halbamtliche Darstellungen - die Instant-Geschichte des Internet-Zeitalters. Weil jedes Buch erscheint, während die handelnden Personen noch im Amt sind, kommt es zu Rückkopplungseffekten. Die Akteure, diesmal 75, arbeiten mit Woodward zusammen, um ihr Bild in der Geschichtsschreibung zu beeinflussen. Sobald das Buch erscheint, distanzieren sie sich je nach politischer Opportunität. So erklärt sich die Kakofonie der Dementis aus Washingtons Amtsstuben. Man muss nichts darauf geben. Woodwards gottgleicher Status wird nicht infrage gestellt werden. Je erklärungsbedürftiger die Gründe für einen Krieg erscheinen, in dem die gesuchten Massenvernichtungswaffen und die behauptete Terror-Connection nicht gefunden wurden, desto wertvoller wird sein Insider-Report.