Brüssel

Man wird doch noch nachdenken, also vorausdenken dürfen in diesen plapprigen Zeiten. Stellen Sie sich mal vor, sagte Günter Verheugen irgendwann in den ersten Wochen dieses Jahres, die Europäische Union würde Israel als wirtschaftliches Vollmitglied aufnehmen. Unvorstellbar? Das war eine andere nahöstliche Idee des deutschen Politikers auch, damals im Bundestagswahlkampf 1998. Günter Verheugen war noch nicht Staatsminister im Auswärtigen Amt, geschweige denn EU-Kommissar für Erweiterung, sondern einfach außenpolitischer Koordinator der SPD. Stellen wir uns mal vor, sagte Verheugen damals, wir geben der Türkei fünf Jahre Zeit zu zeigen, was sie kann, und entscheiden dann, ob das Land EU-tauglich ist.

Ein Jahr später legte die Kommission beim Gipfeltreffen in Helsinki ihren Vorschlag auf den Tisch, mit Ankara Verhandlungen vor den Verhandlungen zu beginnen. Federführend war Verheugen. "Mitten in der Nacht warfen sich der EU-Generalsekretär Javier Solana und ich in die Präsidentenmaschine von Jacques Chirac und eilten nach Ankara", erinnert er sich heute. "Die gespenstische Szene dort werde ich nie vergessen. Endlose düstere Gänge. Ein langer Raum im Dämmerlicht, tief hinten sitzt Premierminister Bülent Ecevit auf einem Podest, umringt von lauter misstrauischen, abweisenden Gesichtern. Diese hellten sich erst etwas auf, als wir in zehn Punkten die Vor-Beitritts-Strategie der Union präsentierten. Die Haltung der Union in einer weltpolitischen Frage wurde binnen weniger Wochen geändert. Das bleibt für mich das Wichtigste, was ich in meinem Leben geschafft habe."

Was Europa angehe, sagt Günter Verheugen nüchtern und ganz ohne Bekennerton, sei er ein Spätberufener. "Brüssel" erschien ihm als "etwas Undurchschaubares". Bis heute hat sich dieses Bild gehalten. Verheugen ist kein Föderalist von Herzen, auch kein Funktionalist, der an die zwingende Wirkung des Binnenmarktes glaubt. Die Beispiele Israel und Türkei zeigen es. Als Europäer wird er in den Beitrittsländern hoch respektiert und vielfach geehrt, in Malta mit einem hohen Orden, in Polen mit der Auszeichnung "Mann des Jahres". Dabei ist Günter Verheugen kein Ballsaal-Diplomat, sondern ein Sicherheitspolitiker, aus der Schule von Hans-Dietrich Genscher. "Die Integration als Friedensprojekt, das ist es für mich. Ob das in den Ohren der Jugend heute noch klingt? Ich glaube schon, nach den Kriegen auf dem Balkan und im Irak bekommt der Satz jedenfalls neuen Sinn", sagt der EU-Kommissar, der wenige Tage vor dem großen Datum des 1.Mai seinen sechzigsten Geburtstag feiert.

Das Wort vom Sicherheitspolitiker muss freilich bei diesem "Europäer aus Selbstverständlichkeit" (Verheugen über Verheugen) ganz weit gefasst werden, fernab aller Nato-Bürokratie und westlicher Strategenrunden. Stabilität buchstabiert der Stabilisator des neuen Europa in erster Linie historisch und sozialökonomisch.

Bestes Beispiel ist die Erweiterung. Unermüdlich ist dieser Mann durch die Altmitgliedsländer getingelt und hat immer wieder dasselbe Lied angestimmt: Die Erweiterung kostet, ja, gewiss, vor allem fordert sie den Menschen in den Beitrittsländern, gerade souverän geworden und fürchterlich stolz darauf, viel Verzicht und große Mühe ab. Noch kostspieliger, so die zweite Strophe des Verheugen-Chansons, wäre aber die Nichterweiterung. Mitteleuropa würde unsicheres Gelände, womöglich eine Spielwiese für Populisten, wie sie dem EU-Kommissar auf seinen unzähligen Reisen vor wie nach seiner Ernennung 1999 begegneten. "Ein Mann wie Victor Orbán hat mich entsetzt. Der frühere ungarische Premierminister hat eine gefährliche nationalistische Politik in seinem Land in Gang gesetzt. Diese Bombe konnte nur mühsam von seinen Nachfolgern entschärft werden", sagt Verheugen. Überhaupt müsse man sich in Brüssel klar machen, dass man es in den neuen Mitgliedsstaaten nicht mit einer ausgeformten politischen Klasse zu tun habe: "Die gibt es einfach nicht. Da sind zum einen die Macher und manchmal auch Profiteure, fast alle einstmals Kommunisten. Dann die Bürgerbewegungen, wie Solidarno™ƒ, die leider oft unfähig sind, stabile Parteien zu schmieden. Und als kleinste Gruppe die Jungen, mit einem fast naiven Glauben an den Markt. Stets ist die Grenze zwischen national und nationalistisch fließend, und nationalistisch ist alles andere als ein Schimpfwort."

Diese Skizze lässt schon die Verteilungskämpfe, auch die Verkrampfungen ahnen, die in einer erweiterten Union zu erwarten sind. Die Neuen wollen ihren alten Platz in Europa. "Ihr Trauma ist der Stalinismus, nicht der Holocaust. Der Weltkrieg schon, aber nicht der Holocaust. Der Westen muss das endlich merken." Welch beziehungsreicher Zufall: Während Verheugen das erläutert, im Glashaus der Brüsseler Kommission, steht nebenan im Glaspalast des Europäischen Parlaments die neue lettische Kommissarin Sandra Kalniete Rede und Antwort. Geboren wurde sie im sibirischen Gulag, und die Erweiterung feiert diese beeindruckende Frau als befreienden "Triumph über das 20. Jahrhundert". Welcher Franzose oder Italiener würde das so beschreiben?

Auschwitz hat der geschichtsbewusste Deutsche während seiner Amtszeit als Kommissar bewusst nicht besucht. Kennen gelernt hat er in diesen Jahren hingegen den Hügel der Kreuze in Litauen, nahe der lettischen Grenze. "Ein mystischer Ort, Tausende von Kreuzen mitten im Nirgendwo. Dort mischen sich nationaler Widerstand gegen die sowjetische Okkupation und religiöses Bekenntnis", sagt Verheugen. Bei seiner Ernennung zum Kommissar habe der eine oder andere schon mal diskret gefragt: Läuft der nicht Gefahr, als Deutscher moralisch unter Druck gesetzt zu werden? "Erstaunlich, aber bei all meinen Gesprächen im Osten hat mir nie jemand gesagt: Du hast eine besondere Verpflichtung, weil du Deutscher bist."