Auf einer buckeligen Wiese neben einem zerfallenen Herrenhaus treffen sich im Frühling des Jahres 1904 ein paar halbwüchsige Jungen, ein Ball rollt ins Spiel… Ob dies, wie eine Festschrift 50 Jahre später erklärt, die Stunde ist, da "der Schalker Mythos" geboren wird, sei dahingestellt. Es ist die Stunde, da die Schalke-Geschichte beginnt, eine Geschichte der Leidenschaft, des Schwindels, der Macht – die Geschichte des legendärsten deutschen Fußballklubs.

In der Nähe der Gelsenkirchener Steinkohlezeche Consolidation gründen 14-jährige Lehrlinge und Jungbergleute am 4. Mai 1904 einen Fußballverein, den sie Westfalia Schalke nennen. Im aschgrauen Industriedorf Schalke, einem gerade eingemeindeten Stadtteil Gelsenkirchens, hat Arbeit seit jeher mit Kohle zu tun, und beides verbindet sich zu einer Parabel auf das ewige Glück. Einen Klub gibt es hier schon, einen bürgerlichen, der vom Spielverband anerkannt wurde. Westfalia Schalke hingegen ist ein "wilder" Verein, eine Arbeiterclique, ein Straßengewächs. Die Vereinsfarben, Rot und Gelb, haben sich die jungen Kicker bei einer holländischen Mannschaft abgeguckt. Einen eigenen Lederball können sie sich nicht leisten, sie spielen mit dem ausgemusterten Ball eines anderen Vereins.

Sie raufen mehr, als dass sie spielen. Für einen eigenen Platz ist kein Geld da. Später verschafft ein Gastwirt, bei dem sich auch die Sozialdemokraten treffen, den Kickern ein Stück Land, das sie als Bolzplatz herrichten. "Polacken" werden sie verächtlich genannt, weil ihre Eltern aus Masuren stammen. Um endlich auch Mitglied des Verbands zu werden, schließen sie sich dem örtlichen Turnverein an. Keine Zeitung nimmt zunächst von ihnen Notiz. Schalke ist ein Nichts.

Vielleicht wäre es so geblieben, wenn die Schalker nicht, viel schneller und perfekter als andere Mannschaften, den "schottischen Flachpass" erlernt hätten. Die Brüder Hans und Fred Ballmann, in England groß geworden, bringen diese Spieltechnik zu Beginn der zwanziger Jahre mit. Der Ball wird nun nicht mehr weit und hoch gedroschen, sondern in flachen, kurzen Pässen zum besser postierten Mitspieler gegeben, hin und her, schnell, präzise, bis die gegnerische Abwehr durcheinander gerät. Als dieses System so ausgereift ist, dass die Kreisligamannschaft aus Schalke sogar namhafte Konkurrenten schlägt, heißt es "Schalker Kreisel".

"Nehmen Sie den Kleinen da, der kann was!"

1924 lösen sich die Kicker vom bürgerlichen Turnverein, nennen sich fortan Fußballclub Schalke 04, erklären Blau und Weiß zu ihren Vereinsfarben. Sportlich geht es aufwärts. Emscherkreismeister, Ruhrgaumeister, Westdeutscher Kreisligameister. Von Beginn an sind es symbolische Siege. Gewinnt Schalke, sieht sich die Arbeiterschaft gewinnen. Fußball, in den Anfängen ein ausgefallenes Hobby von Gymnasiasten und Studenten, ist auch Klassenkampf mit anderen Mitteln.

Bei einem Spiel der Schalker B-Jugend gegen den örtlichen Rivalen Erle 08 schaut ein schmächtiger, 14-jähriger Junge vom Rand aus zu. Er trägt einen dunklen Konfirmationsanzug, und seine schwarzen Schuhe sind auf Hochglanz poliert. Sein Vater ist Bergmann, aus Ostpreußen zugewandert. Zu Hause, in der Wohnung nahe dem Schalker Markt, regiert die Mutter, die dem Jungen verboten hat, Fußball zu spielen, damit er nicht ständig seine Schuhe ruiniert. Die Gegner aus Erle beherrschen das Spiel, weil den Schalkern ein Mann fehlt, bis jemand dem Jugendleiter zuruft: "Nehmen Sie den Kleinen da, der kann was!"

Der Kleine heißt Ernst Kuzorra, widersetzt sich dem Willen seiner Mutter, schießt Schalke in Konfirmationsschuhen zum Sieg und wird deswegen zu Hause verprügelt. Noch oft lässt er sich beschimpfen und schlagen, wenn er vom Fußballplatz heimkehrt. Nach Spielen bittet er Freunde, seine Sportsachen mitzunehmen, damit seine Mutter nichts merkt. Viele Jahrzehnte später wird ihn die Stadt Gelsenkirchen zum Ehrenbürger machen. Dass Ernst Kuzorra der berühmteste Gelsenkirchener ist, wird man mit Recht behaupten. Er hat das Zeug zum Idol.