Ihn fesselt der Stoff, der den Politikern gerade zwischen den Fingern zerrinnt. Also die Klassiker, der "Nationalstaat" beispielsweise, die "Regierung", das "Parteiensystem". Was Gerhard Schröder noch "Regierung" nennt, heißt bei ihm allerdings probehalber schon mal "Governance".

Michael Zürn, Jahrgang 1959, lehrt Politische Wissenschaften. Er ist frisch ernannter Direktor der Hertie School of Governance, einer privaten Hochschule, die sich die Kennedy School of Government aus Harvard/Cambridge zum Vorbild nimmt und die in dieser Woche zur Eröffnungskonferenz einlädt. Einen Steinwurf entfernt vom Auswärtigen Amt, im alten Staatsratsgebäude der DDR, hat sich die School of Governance einquartiert, die eine Antwort auf die Metamorphosen von Staat, Regierung und Parteien suchen oder gar sein möchte. Die gemeinnützige Hertie-Stiftung hat sie ins Leben gerufen. Befassen will sich die Schule – mit (zunächst) fünfzehn Professoren und wenigen Studenten – mit neuen Formen der Staatlichkeit; aus dem Boden gestampft wird damit eine Fabrik für Führungskräfte, die in den öffentlichen Dienst streben.

Michael Zürn verkörpert die akademische Generation, die man anknüpfen sieht an die Avantgarde der Fritz W. Scharpf, Ulrich Beck oder Jürgen Habermas, die alle für bestimmte intellektuelle Grundmuster stehen. "Institutions matter!", rafft Zürn seine Position zusammen, also: Institutionen, Normen, Regeln und nicht zuletzt das Völkerrecht zählen, auch wenn die nationale Regierung und der Staat an Einflussmöglichkeiten einbüßen. Das Verschwindende und das Entstehende, das hatte schon den jungen Tübinger Studenten gefesselt, der sich mit "internationalen Regimen" befasste, mit denen die Konflikte im Ost-West-Verhältnis kontrolliert werden könnten. Mit einem hoch abstrakten Begriff, der "ungleichzeitigen De-Nationalisierung", umriss Zürn ein Phänomen, das die deutsche Politik inmitten des Vereinigungs-Dramas seit 1990 so richtig gar nicht bemerkte. Die Politik, lautete der Befund, hinke der Globalisierung hinterher. Zum Teil sprangen aber bereits internationale Institutionen ein, und gar nicht immer erfolglos. Dem wiederum hinkte das öffentliche Bewusstsein nach.

Robert O. Keohane und Joseph S. Nye, die Päpste von der Kennedy School, entdeckten das junge Talent, das an kleinen Beispielen eine große internationale Theorie zu entfalten suchte, und luden ihn umstandslos nach Harvard ein. Selbst wenn die Staaten so machthungrig und profitorientiert wären, wie die Realisten annahmen, müssten sie sich stärker auf internationale Institutionen stützen. Man könne also von "rationalen Akteuren" ausgehen, wurde dort argumentiert. Gegenüber der amerikanischen Politik allerdings, so sah der deutsche Gast Michael Zürn es, befanden die Europäer sich im Vorteil: Sie hatten die EU als Laboratorium für dieses Neue bereits vor Augen.

Sein Jahr in Harvard hatte der Flaneur noch gar nicht beendet, da bot Dieter Senghaas ihm bereits eine Professur für internationale Politik in Bremen an. Zum Habilitieren hatte er bis dahin zwar noch keine Zeit, den Bremern war das aber egal. Zürn, gerade 34 Jahre alt, schlug ein. Der Nationalstaat, die Europäische Union, und das Etwas, das darüber hinaus führte, diese Ebenen versuchten er und Gleichgesinnte nun zu verbinden, und es begann die Karriere dieses Begriffs, der das Unscharfe zu fassen versuchte: Governance. Inzwischen widmet sich ein ganzer Sonderforschungsbereich der Deutschen Forschungsgemeinschaft der Frage.

In einem Buch über Regieren jenseits des Nationalstaats, das 1998 erschien, war dann bereits frisch von einem "Projekt komplexes Weltregieren" die Rede. Der optimistische Schimmel galoppiere da mit dem Autor durch, stupsten ihn Kritiker – respektvoll. Michael Zürn sieht selber, dass seine Theorie aus der Sicht der Wissenschaft, von der Politik erst gar nicht zu reden, ein bisschen vorschnell gewesen sein mag. Aber zu dem Gedanken steht er. Und Scheu vor den großen Thesen hat er nicht, sein jüngstes Büchlein heißt Frieden und Krieg.

Auf der Bühne, auf der es um "globalisierte Interessen" geht, fallen die Parteien zunehmend weg. Vertreten werden Gesellschaften, in denen sich Interessengruppen organisieren. Und siehe da, es gibt bereits Instanzen, die verbindliche Regeln auch durchsetzen, lautet der Befund vor allem mit Blick auf die Europäische Union. Zürn setzt ohne Anflug von Pessimismus auf Globalisierung. Aber die Idee von einem europäischen Sozialstaats-Pfad gibt er keineswegs auf. Auch früher, argumentiert er, habe Globalisierung stets Öffnung bedeutet, und Öffnung helfe dem Sozialstaat. Nur deshalb, weil sie sich öffneten, hätten die skandinavischen Länder auch den stärksten Sozialstaat gehabt. Allerdings: Die Kraft des Nationalstaats, der für soziale Integration sorgte, hat abgenommen.

Ein eigentümlicher Neopragmatismus schimmert bei solchen Abwägungen durch, der sich so fern vom Regierungshandeln gar nicht bewegt und der gleichwohl mehr ist als bloße Deskription. Der Koloss Wohlfahrtsstaat, hat Zürn einmal erklärt, bewege sich so schwerfällig, dass er den Stichen der Globalisierung nahezu machtlos ausgesetzt sei. Und das mache die neuerliche große Transformation "unsozialer und mithin politisch gefährlicher, als dies notwendig und wünschenswert wäre". Es dominiere ein "Kürzungsklima statt eines Gestaltungsklimas". Übersetzt hieß das: Die Zeiten von Sozialpolitik als "Absturzsicherung" seien vorbei, Grundeinkommen für jedermann plus lebenslange Förderung von Kompetenzen statt eines Daueranrechts auf einen einmal erreichten Status quo stelle die "Formel für den Wohlfahrtsstaat der Zukunft" dar.