Die chassidisch beeinflusste Erziehung, die er als Kind erhalten hatte, hat sein Selbstverständnis geprägt: Ich bin ein Jude, weil ich in meiner Kindheit von einer alles umfassenden, alles durchdringenden jüdischen Erziehung geformt worden bin. Man lehrte mich, alles im Hinblick auf Gottes Gebote zu erkennen, zu verstehen und zu deuten - noch vor dem Schulalter las ich die Bibel im Original, daneben auch deutsch, etwa Grimms Märchen, und die Zeitung, die aus Wien kam. Man belehrte mich aufs Eindringlichste über die von der biblischen Ethik angeordneten Lebensregeln, deren Gebieterischste für mich unabänderlich geblieben ist: den Einklang von Glauben und Tun und Praxis zu erlangen und in seinem Sinn zu leben. Ich wage nicht zu behaupten, daß ich dieses Gebot stets befolgt habe, aber ich habe nie aufgehört, an jenen Lebensregeln zu ermessen, ob ich jeweils meinem Leben einen Sinn gab oder in Gefahr geriet, es sinnwidrig zu vergeuden.

Das Schtetl, in dem er Anfang des 20. Jahrhunderts geboren wurde, gehörte zu Galizien, einem der Problemgebiete der Donaumonarchie. Etwa die Hälfte der Bevölkerung war jüdisch, Jiddisch die Umgangssprache. Die Juden gehörten zur deutschsprachigen Bevölkerung.

Er entstammte einer Rabbinerfamilie, die nicht zu den Ärmsten gehörte, aber das Leid ringsum, die latenten Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die alle an großer Armut litten, beeinflusste sein Leben. Er schrieb: Ich habe meine Kindheit in einem Land verbracht, dessen längste Jahreszeit der Herbst ist. Dort ertränkt der kalte Regen den zu heißen Sommer, noch ehe der Monat August vorbei ist: Er weicht die Straßen auf, sodaß sie Sümpfen gleichen, und er engt den Horizont ein, daß man unter dem verschrumpften Himmel beinahe fürchten muß, von der Welt für immer abgeschnitten zu sein.

Sehr früh wurde sein Glaube erschüttert, als er die Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs erlebte. Später schrieb er: Hochgemut oder niedergeschlagen im Scheine von Erfolgen oder im Schatten der Enttäuschungen, immer, fast immer wollte ich wissen: Wofür, wozu Leben? Welcher Inhalt gibt dem Leben einen Wert, der nicht nur für mich, nicht nur für diesen oder jenigen Einzelnen gilt?

Die Unfähigkeit zur Gleichgültigkeit prägte ihn. Die Gleichgültigkeit ist so furchtbar wie ihre Folgen, so mörderisch wie die furchtbarste Gewalt. Er hat sie am eigenen Leib erfahren.

Im dritten Kriegsjahr floh die Familie nach Wien. Sie erlebte Armut und Feindseligkeit gegen die Juden. Er schloss sich einer jüdischen Pfadfinderorganisation an, in der die Ideen der russischen Sozialrevolutionäre diskutiert wurden. Er wurde zum leidenschaftlichen Leser und begegnete Alfred Adler, dem Begründer der Individualpsychologie. Über das erste Referat, das er für Adler schrieb, zur Psychologie des Revolutionärs, urteilte der Meister: Sie haben wie ein Individualpsychologe gesprochen, der noch nicht weiß, daß er einer ist. Adler betraute ihn mit komplizierten Fällen bei Kindern und Jugendlichen. Von Wien ging er nach Berlin, um dort als Lehrer für Individualpsychologie zu arbeiten. Aber er ging weiter, er wurde Revolutionär, aber: Unsere dialektischmarxistische Psychologie ist nicht abgeschlossen, sondern völlig offen nach vorne. Ich kann mir keine Wahrheit vorstellen, der wir uns verschließen müssen, denn ist auch nicht jede Wahrheit revolutionär, so kann doch keine konterrevolutionär sein.

Durch diese Einstellung waren seine Schwierigkeiten mit der Partei schon vorprogrammiert. Erst emigrierte er nach Frankreich, trat 1937 aus der KPD aus, zog als Feiwilliger für Frankreich in den Krieg, floh am Ende in die Schweiz und entschied sich dafür, zu schreiben und zu berichten.