Du glückliches Österreich. Die Republik hat – in Direktwahl durch das Volk – einen neuen Präsidenten gewählt und die Lage ist übersichtlich: Es gibt einen Sieger, Heinz Fischer von der SPÖ, und eine Verliererin, Benita Ferrero-Waldner von der ÖVP. Natürlich freuen sich jetzt die Sozialdemokraten, aber die Christdemokraten tun es auch. Das Ergebnis (52,41 zu 47,59 für Fischer, noch ohne die Auslandsstimmen) ist insgesamt nicht zu knapp und nicht zu krass. Niemand sieht in der Wahl des Mannes ernsthaft eine Absage an Frauen, obwohl Frau Ferrero gern eine Frauenfrage aus der Wahl gemacht hätte, gemäßigt bürgerlich, versteht sich.

Die „Roten“ lesen den Sieg des 2. Parlamentspräsidenten – versuchsweise triumphierend – als „Denkzettel“ für die Rechtskoalition aus Schüssel-ÖVP und Haider-FPÖ und hoffen, dass die peinlichen Umstände der blau-roten Zusammenarbeit in Kärnten unter Landeschef Haider jetzt endlich vergessen werden. Die „Schwarzen“ feiern den „Achtungserfolg“ für die konservative Außenministerin so intensiv, als hätte sie eigentlich gewonnen, und hoffen, dass über ihre Wahldebakel in Kärnten und Salzburg vom März endlich Gras wächst. Alle heben hervor, dass nun endlich wieder, wie in den Anfängen der Republik, die Balance – schwarzer Kanzler, roter Präsident – wieder hergestellt ist (ohne den Ballast einer gleichzeitigen Großen Koalition, wie die ÖVP listig ergänzt), es obwalten also Gleichgewicht und Ausgewogenheit, wohin man blickt im Alpen- und Donauland.

Die Wirklichkeit, wie nicht anders zu erwarten, ist komplizierter. Alfred Gusenbauer, der seit der hurtigen und fröhlichen Kärntner Einigung von FPÖ und SPÖ wieder stärker als führungsschwach kritisierte Chef der SPÖ, kann sich auf Grund des Wahlsiegs von Fischer keineswegs selbst als rehabilitiert betrachten. Über seine Zukunft wird weiter geredet und die Unzufriedenen suchen nach neuen Gesichtern, was inzwischen kuriose Formen annimmt: als möglicher künftiger SPÖ-Kanzlerkandidat wird allen Ernstes der gegenwärtige RTL-Chef und frühere ORF-Intendant Gerhard Zeiler gehandelt. Nichts ist unmöööööglich.

Wolfgang Schüssel wieder, der Bundeskanzler einer Koalition, die tiefe Schnitte ins Sozialstaatssystem vornimmt, dabei aber derart grobschlächtig operiert, dass der deutsche Agenda-2010-Umbau eher homöopathisch-schmerzlos wirkt, hat nach den Regionalwahlen nun abermals einen Popularitätstest nicht bestanden. Darüber kann auch der künstliche Jubel für die geschlagene Kandidatin nicht hinwegtäuschen. Die Rechnung, ihre seinerzeitige Charmeoffensive gegen die EU-„Sanktionen“ (Wahlparole: „Ich habe gekämpft wie eine Löwin“) würde durch einen Sieg belohnt werden, ging nicht auf.

Vielleicht haben die Kandidatin und ihr Kanzler sich sogar zu sehr darauf verlassen, dass dieser heldenmütige Kampf gegen Europas Einmischung in die innerösterreichische Verhaiderung ein Pluspunkt sei. In der Schlussphase des Wahlkampfs erhielt Ferrero-Waldner sogar die Unterstützung durch Haider. Fischer hingegen distanzierte sich in einem fernseh-öffentlichen Gespräch („Hearing“) mit den FPÖ-Spitzen samt Haider eindeutig von dem Rechtspopulisten und dessen berüchtigten Sprüchen (etwa über "Hitlers erfolgreiche Beschäftigungspolitik"), was sich als eine strategisch richtige Entscheidung erwies: Der nicht sehr kantige SPÖ-Mann zeigte Profil und mobilisierte damit das liberalere Großstadtpublikum. Haiders Empfehlung für die ÖVP-Kandidatin wirkte nur in Kärnten, in Wien aber kam Fischer auf 65 Prozent. Dorthin reicht der Glanz des Wörthersee-Tribuns nicht mehr. Wie gesagt: tu felix Austria .