kommentar Der Letzte macht das Licht aus

In einer neuen Demografiestudie wurde die Zukunftsfähigkeit der deutschen Landkreise und Städte errechnet

Deutschland hat ein Demografieproblem. Ganz Deutschland? Ein einziger Landkreis hat keinen Grund, sich wegen Überalterung und fehlendem Nachwuchs graue Haare wachsen zu lassen: Cloppenburg. Der Anteil der Fünfjährigen unter der Cloppenburger Bevölkerung hat zwischen 1990 und 2001 um fast 23 Prozent zugelegt. Während Deutschlands Frauen im Schnitt 1,37 Kinder bekommen, sind es in dem niedersächsischen Landkreis 1,92 Kinder.

Gleich sieben niedersächsische Landkreise, nach Cloppenburg sind es Vechta, Wittmund, Emsland, Leer, Aurich und Gifhorn führen die Nachkommensstatistik in Deutschland an. Diese fruchtbare Erkenntnis verbreitet das Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung in seiner am vergangenen Donnerstag vorgelegten Studie „Deutschland 2020 – Die demografische Zukunft der Nation“.

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Derart hoffnungsfrohe Botschaften findet man in dem 100seitigen Faktenwerk allerdings nur selten. Das Institut hat für alle 440 Landkreise und kreisfreien Städte unzählige Daten zusammengetragen und ausgewertet. Die „Kinderzahl pro Frau“ ging ebenso in die Wertung ein, wie die Kaufkraft, die Erwerbstätigkeit, der Wohnungsbau oder die „Bildungschancen für Ausländer. Aus insgesamt 22 Einzelkriterien errechneten die Berliner für jeden Kreis eine Gesamtnote, ein Urteil über die Zukunftsfähigkeit der Regionen.

Ergebnis: Der Süden gewinnt, der Osten verliert. Unter den 13 Schlusslichtern des Landkreisrankings liegen neun in den neuen Bundesländern. Die westdeutschen Verlierer sind Opfer des industriellen Strukturwandels, Schwerindustrie- und Schiffbauregionen wie Bremerhaven, Gelsenkirchen, Herne oder Pirmasens.

18 der 19 Mitglieder der Spitzengruppe finden sich dagegen im Umfeld von München, Erlangen, Ingolstadt, Stuttgart und Heilbronn, kurz: in Bayern und Baden-Württemberg. Die prosperierenden Landkreise ziehen junge Familien an. Wachstum gibt es in deutschen Regionen nur noch auf Kosten anderer Gebiete. In ländlichen Gebieten im Osten kommen auf 100 Männer im Alter zwischen 18 und 29 Jahren nur noch 80 Frauen. „Deutschland zieht um“, resümiert die Studie. Entlegene ländliche Regionen verlieren die meisten Einwohner, die Speckgürtel der Metropolen hingegen wachsen.

So mancher Kreisdirektor dürfte in den nächsten Tagen angstvoll in dem Berliner Zahlenwerk blättern. Doch unter der Überschrift „Wege in die demografische Zukunftsfähigkeit“ hält die Studie auch Lösungen bereit. Nicht alle sind angenehm. Es gelte, „das Schrumpfen zu organisieren“, sagen die Autoren. Das reiche vom „Wohnungsrückbau bis zur vollständigen Entsiedelung und Renaturierung einiger Regionen“.

Der Letzte macht das Licht aus. Und dann können – wie in der Lausitz oder im Pfälzerwald – Wolf und Luchs zurückkehren.

 
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