Washington
In den vergangenen fünf Wochen ist so ziemlich alles schief gelaufen für George Bush. Die „9-11 Kommission“ hat aufgedeckt, wie halbherzig er vor dem großen Anschlag den internationalen Terrorismus bekämpfte. Zwei Insider-Bücher beleuchten die frühe Irak-Obsession innerhalb des Weißen Hauses. Rund um Bagdad sind binnen 30 Tagen mehr als 100 amerikanische Soldaten umgekommen, und so richtig überzeugend hat George Bush der Fernsehnation nicht erklären können, warum Amerikaner dort sterben müssen. Kurzum: schlimmer kann es kaum mehr kommen für einen amtierenden Präsidenten im Wahljahr.

Es dürften also goldene Tage sein für seinen Herausforderer John Kerry. Er müsste von jedem Fehltritt des Amtsinhabers profitieren und in der flüchtigsten aller Währungen entlohnt werden: der Zustimmungsrate bei Umfragen. Schon Anfang März lag Kerry vier Prozentpunkte vor Bush. Inzwischen, so steht zu erwarten, könnte der Vorsprung komfortabel sein.

Oder nicht?

Tatsächlich zeigt die jüngste Umfrage, dass der Abstand größer wird. Doch Vorsicht! Nicht für John Kerry. Plötzlich liegt George Bush vorne. Und zwar deutlich. Mit fünf Punkten. 49 zu 44. Die Wertschätzung für John Kerry sinkt rapide. 55 Prozent der Befragten sehen Bush als ehrlich und glaubwürdig an; nur 49 Prozent meinen dasselbe von Kerry – zehn Prozentpunkte weniger als noch vor fünf Wochen. Fast zwei Drittel aller Befragten sehen George Bush als „starken Führer“; John Kerry kommt nur auf 52 Prozent – neun Punkte weniger als vor fünf Wochen. Was ist da los? Stimmt was nicht mit den Amerikanern? Oder mit der Umfrage? Fehler sind natürlich immer möglich, aber nicht wahrscheinlich. Die Umfrage ist von Washington Post und ABC News in Auftrag gegeben. Eine erprobte Firma, eine erprobte Methode, wiederkehrende Fragen. Und sicher ist: die Amerikaner sind vollständig bei Sinnen, so viel oder so wenig wie vor fünf Wochen. Das Ergebnis lässt sich erklären, und die Erklärung kann John Kerry keineswegs gefallen.

Verzerrend ist nämlich eher die fünf Wochen alte Umfrage. Damals hatte sich John Kerry soeben genügend Delegierte für die Kandidatenkür seiner Partei gesichert. Wochenlang zeigte das Fernsehen nichts als den demokratischen Vorwahlkampf. Wochenlang war auf den politischen Seiten der Zeitungen kaum mehr zu lesen als die versammelten Angriffe der neun demokratischen Bewerber auf George Bush. Der erschien wie gelähmt. Kein Wunder, denn er konnte nicht zurückschlagen. Gegen wen denn? Gegen alle neun Kandidaten gleichzeitig? Gegen einen? Welchen?

Erst seit fünf Wochen kennt George Bush seinen Herausforderer. Jetzt erst kann er attackieren. Und das tut er. Er nutzt das unvergleichliche Podium, das ihm das Weiße Haus bietet. Und er nutzt seine prall gefüllte Wahlkampf-Schatulle. Für fast 50 Millionen Dollar hat er Werbespots gekauft und in jenen 18 Bundesstaaten ausstrahlen lassen, in denen es knapp zu werden verspricht. Die Spots haben Kerry als einen Washingtoner Wendehals dargestellt, der seine Meinung so schnell wechselt wie seine Wäsche. Kaum vorstellbar, dass sie ohne Wirkung geblieben sind. John Kerry konnte dieser Kampagne nichts entgegen setzen. Er hat in den vergangenen Wochen mit George Bush die Rolle getauscht: er ist nun „der Watschenmann der Nation“, wie die Pittsburgh Post-Gazette schreibt. Als der Vorwahlkampf zu Ende ging, war Kerrys Kriegskasse leer. In den vergangenen Wochen hat er erst einmal Geld gesammelt.

Doch so wichtig Geld beim Wahlkampf auf einem gewaltigen Kontinent sein mag, entscheidend ist es wahrscheinlich nicht. Die Vorwahlen in Iowa, die über den Kandidaten der Demokraten vorentschieden, waren nicht gekauft. Im Gegenteil: die beiden Kandidaten mit der größten Kasse und der besten Organisation verloren. Das waren Howard Dean und Richard Gephardt. Stattdessen gewannen mit John Edwards und John Kerry zwei Kandidaten, die fast pleite waren. Eine Graswurzelbewegung, eine Welle der Begeisterung trug sie zum Sieg.