Normalerweise bitten wir unsere Leser nur um Hilfe bei Naturkatastrophen, etwa nach dem schrecklichen Erdbeben in der Türkei 1999 oder nach der Oderflut 2002. Heute geht es uns um ein anderes, ein unsichtbares, aber für die Gesellschaft in eigener Weise zerstörerisches Übel: um die schwindende Lesefähigkeit der Kinder in Deutschland. Zuletzt wurde sie mit dramatischer Wucht durch die Pisa-Studie dokumentiert. Eltern und Lehrer berichten schon seit Jahren von der Krise.

Wir wollen etwas tun: dagegen, dass ein Viertel aller 15-Jährigen nicht richtig lesen und schreiben kann. Dagegen, dass fast die Hälfte von ihnen nie ein Buch zum Vergnügen in die Hand nimmt. Gemeinsam mit der Stiftung Lesen, die sich unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten seit 30 Jahren der Leseförderung widmet, haben wir die Kampagne "Wir lesen vor – überall und jederzeit" ins Leben gerufen. Denn im Einklang mit nahezu allen Experten glauben wir, dass die literacy, die Lesefähigkeit, lange vor der Grundschule entsteht und dass sie am besten durch das Vorlesen zu fördern ist – so früh, so oft, so lange es geht. Das heißt: Eltern, lest vor! Das heißt aber auch: Kindergärten und Schulen müssen dem Buch einen viel breiteren Raum geben als bisher üblich.

Die Stiftung Lesen betreut den praktischen Teil dieser Initiative. Sie bietet zum Beispiel Schulungen für freundliche Menschen an, die bereit sind, anderen als den eigenen Kindern vorzulesen . Die ZEIT legt sich vor allem publizistisch ins Zeug – in dieser Woche mit einer umfangreichen Sonderbeilage zum Thema Kinderliteratur. Und mit der Serie Mein Buch, in der Prominente von ihren lebenswichtigen Leseerfahrungen erzählen. Schließlich versuchen wir, einen Überblick über die unzähligen Vorlese-Initiativen zu geben, die glücklicherweise überall entstehen.

Solches Engagement möchten wir fördern. Wir wollen die Eltern unter unseren Lesern darin bestärken, auf Bücher zu setzen: Sie sollen sich nicht von den wohlfeilen Beteuerungen mancher Medienpädagogen einlullen lassen, wonach Fernsehen und jedwede Zeit am Computer harmlos, bestenfalls sogar nützlich seien. Fernsehen und Computerspiele (welche die Kids natürlich mehr interessieren als Lernsoftware) haben ihre Funktion im Leben eines Kindes, aber sie ersetzen nicht das Lesenkönnen, das Verstehen und Begreifen von Wörtern und Texten.

Vorleseradikalismus ist gefragt, und der stellt besondere Anforderungen an die Eltern von Jungen. So mächtig ist der Sozialisationsdruck hin zur erwarteten männlichen Rolle mit Sport und Technikbegeisterung, dass Eltern besonders den Söhnen vermitteln müssen, dass Lesen nicht peinlich oder weibisch ist. Und nie, nie, nie dürfen die Väter sagen: Zum Lesen habe ich keine Zeit. Jungen brauchen dringend männliche Lesevorbilder, schreibt Christine Brinck in unserer Beilage. Auch die Schulen können mit einer Lektüreauswahl helfen, die sich mehr an den Bedürfnissen der Jungen, überhaupt an den Interessen der Kinder orientiert: Schüler und Schülerinnen lieben Abenteuergeschichten und haben wenig Freude an realistischen Problemerzählungen. Und was wird im Unterricht bevorzugt gelesen? Die Problembücher! Wir plädieren für eine Durchsicht des Schullektüre-Kanons.

Schließlich hat die ZEIT seit Jahrzehnten für das gute Kinderbuch geworben, und gut heißt: nicht allein unterhaltsam für Kinder, sondern attraktiv auch für die vorlesenden Erwachsenen. Auch deshalb wendet sich Sybil Gräfin Schönfeldt in unserer Beilage mit einer innigen Bitte an die Verleger: Nicht immer auf das neueste, gut vermarktbare "Lesefutter" zu setzen, sondern den Reichtum auch der älteren Kinderliteratur verfügbar zu halten. Schließlich fängt jedes Kind mit der Welt neu an. Jedes Kind braucht packende, fesselnde, ernst gemeinte Geschichten, um zum Leser zu werden.

Leser sind freier, urteilsfähiger, einfühlsamer als Menschen ohne Zugang zu den anderen Welten der Bücher. Nichtleser haben nur den Alltag, nur die Gegenwart. "Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt", hat der Philosoph Ludwig Wittgenstein gesagt. Doch diese Grenzen lassen sich überwinden, friedlich, von jedermann, überall und jederzeit.