Von der historischen Stunde schwärmen jetzt alle. Das neue Europa werde größer, einiger, friedlicher sein denn je. Manchen, vorweg den Deutschen, aber sinkt der Mut. Wer soll die Erweiterung bezahlen? Diese EU der 25, die zwar zehn Mitglieder und 75 Millionen Menschen dazugewinnt, beim Wohlstand aber weiter hinter Amerika zurückfällt?

Die Umfragen künden von Skepsis, gar Angst. So fällt an diesem 1. Mai so manche heimliche Sorgenträne in die Champagnerkelche, mit denen Europas Regierende im Schloss von Dublin auf ihr Werk anstoßen. "Willkommen im Club!", werden die Alten den Neuen zurufen. Was aber, wenn auf diese Ahnungslosen bloß eine Union der Schwarzarbeiter und Schieber, der Schnorrer und Schmuddelkinder wartet?

Es gibt fünf Gründe gegen diese Erweiterung. Nur sind sie alle falsch.

Jobs raus, Armut rein: En masse, heißt es, wandern jetzt die Arbeitsplätze und Fabriken gen Osten und die Billiglöhner und Schwarzarbeiter nach Westen. Die Wirklichkeit war schneller; wer gehen wollte, als Unternehmer oder Arbeiter, ist längst gegangen. Denn die "Erweiterung vor der Erweiterung" fand schon in den neunziger Jahren statt. Die Neulinge konkurrieren mit Deutschland oder Italien seit 1993 innerhalb einer europäischen Freihandelszone, unbehindert von Schutzzöllen. Wer das erst jetzt merkt, kommt mit seinen schwarzen Gedanken ein bisschen spät.

Außerdem liegt er falsch mit seiner Angst. Die deutschen Exporte in die zehn neuen Länder haben sich im vergangenen Jahrzehnt vervierfacht. Damit steht die Bundesrepublik auf Platz eins in der Alt-EU und muss sich schon mal die spitze Bemerkung gefallen lassen, die Erweiterung sei zu Nutz und Frommen der Deutschen veranstaltet worden. Es ist wahr: Die "Neo-Ossis" haben uns eine Menge Export-Jobs verschafft. Tatsache ist aber auch, dass schon vor dem 1. Mai eine halbe Million von ihnen zwischen Rhein und Oder einen Arbeitsplatz gefunden haben.

Und jetzt? Werden sie uns die Jobs rauben? Niemand weiß genau, wie viele ihr Glück im goldenen Westen suchen wollen. Doch die Erfahrung mit der Süderweiterung und erst recht die Wanderung innerhalb der neuen Länder, etwa von Bia¬ystok ins boomende Warschau, lassen keine Massenbewegung befürchten. Die Altmitglieder haben sich zudem ausbedungen, dass jeder Jobsucher in den nächsten sieben Jahren eine Arbeitserlaubnis braucht. Schwarzarbeit, besonders auf dem Bau? Die gibt es längst, und die Gründe dafür sind hausgemacht, sie liegen nicht im Osten.