Europa Europa, einig VaterlandSeite 3/3
Karolingien perdu: Mit 25 Ministern am Konferenztisch werde alles noch komplizierter, undurchschaubarer. Kurz, wir Karolinger sind nicht mehr unter uns. Aber war das nicht schon mit Ankunft der Briten (1973), Griechen (1981) oder Schweden (1995) so? Eben, und darum, nörgelt das kollektive Unterbewusste, löst sich jetzt der letzte Rest an EU-Identität im slawischen Osten auf. Sollte da uralter Hochmut mitschwingen in der Angst vor „polnischer Wirtschaft“ oder magyarischem Schlendrian? Komplizierter, undurchschaubarer wurde diese Europäische Union aber schon mit 15 Mitgliedern. Just deswegen der Versuch, mit einer Verfassung etwas Ordnung ins gemeinsame Haus zu bringen. Die 25 können jetzt verbessern, was die 15 jahrelang verludern ließen.
Überhaupt: Wie wäre es mit etwas Respekt gegenüber jenen neuen Mitgliedern, die erst vor anderthalb Jahrzehnten das kommunistische Joch abgeschüttelt und seither in Selbsthilfe das allermeiste geschafft haben, was sie jetzt fit für den Club macht? Das alles komme zu früh, jammern die Umfragen. Was aber würde „später“ bedeuten? Einen Affront für die Kandidaten. Ein Traumtänzer, wer im Westen glaubt, er könne so Geld sparen. Das Gegenteil ist der Fall.
Die Kosten der Nichterweiterung liegen in Wahrheit über den Kosten der Erweiterung. Bar aller Bindung durch Binnenmarkt und EU-Paragrafen, könnten Esten oder Slowaken ihre Steuern wirklich zum Dumping nutzen, müssten die Tschechen bei der Nuklearsicherheit keinerlei Rücksicht nehmen, dürften die polnischen Bauern beweisen, wie konkurrenzfähig ihre Produkte wirklich sind. Und ihre Grenzen müssten Österreicher, Italiener und Deutsche selbst sichern. Also rufen wir in dieser historischen Stunde: Willkommen im Club! Und mehr Courage, Europa!
- Datum 29.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 29.04.2004 Nr.19
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