Der Anrufer im Rheinischen Archiv- und Museumsamt von Pulheim suchte Rat. Sein 1980 verstorbener Freund Heinrich Wendel habe ihm 3000 Dias hinterlassen. Die von Wendel aufgenommenen Bilder würden Höhlenmalereien zeigen, aus Spanien und Frankreich. In wessen Obhut er denn diese Bilder geben könne, wollte der Mann wissen.

Das Pulheimer Museumsamt riet, es beim Neanderthal Museum in Mettmann zu versuchen. Bei dessen Mitarbeiter Andreas Pastoors war er an der richtigen Adresse. Der Experte für Höhlenmalerei entdeckte auf einem der unzähligen Diamagazine die Aufschrift "Tuc d’Audoubert" – eine Höhle am nördlichen Pyrenäenrand, von der er wusste, dass ihre privaten Besitzer nie jemandem die Erlaubnis zum Fotografieren geben. Schon allein dieses eine Magazin schien von großer Exklusivität zu sein. Pastoors erkannte den Wert, den die Bilder für die Forschung darstellen. Denn die zwischen 1961 und 1977 in mehr als fünfzig Höhlen entstandenen Aufnahmen zeigen auch Malereien, die heute zerstört oder verwittert sind, und Fundorte, die für Besucher verschlossen bleiben.

"Die Dias würden wohl, wären sie nicht bei uns gelandet, irgendwo verstauben", sagt Pastoors. Jetzt besitzt das Museum in Mettmann eine der weltweit größten Sammlungen der Motive, die Jäger und Sammler der späten Altsteinzeit, also zwischen 35000 und 12000 Jahren vor unserer Zeit, an den Wänden ihrer Behausungen verewigt hatten. Zwar konnte der Fotograf sein Ziel, alle bedeutenden europäischen Höhlen zu dokumentieren, nicht ganz verwirklichen – es fehlen Lascaux und Tito Bustillo. Dennoch liefern die Bilder einen Überblick über die Motive der Eiszeitkünstler. Die Darstellung vollständiger Menschen findet man darauf selten, häufiger sind Körperteile – Kopf, Rumpf, Hände, Geschlecht. Hinweise auf Landschaftsdarstellungen gibt es nicht. "Pflanzen, Flüsse oder Berge sucht man vergebens", sagt Gerd-C. Weniger, Direktor des Neanderthal Museums. Tierherden galoppieren nicht über die Steppe, sondern schweben bodenlos im Raum. Die eiszeitliche Fauna ist mit Pferden, Wisenten, Steinböcken, Hirschen, Auerochsen und Mammuts vertreten. Selten sind Löwe, Bär, Nashorn, Fisch oder Vogel. Auf den meisten Dias sind abstrakte Zeichen: Punkte, Linien, Schraffuren oder Pfeile, die sich mal als Speer, Hütte, Wegmarkierung oder Symbol der Gruppenzugehörigkeit deuten lassen.

Die Wendelsche Sammlung dokumentiert auch die prähistorischen Kunsttechniken. Steinzeitler arbeiteten mit Farbmineralien und Holzkohle. Sie pinselten mit Zweigen oder Fellbüscheln, malten mit Farb- und Kohlestückchen. Einige benutzten ihre Fingerspitzen als Stifte. Andere mischten zu Pulver zerriebene Pigmente mit Wasser, füllten den Mund und sprühten die Farbe direkt oder durch Knochenröhrchen auf den Fels.

Wendel, Bühnenbildner an der Düsseldorfer Oper, hatte sich auf das Arbeiten mit Licht spezialisiert und schuf mit Projektoren imaginäre Räume. Für das Ballett Le sacre du printemps hatte er den Bühnenraum in eine eiszeitliche Höhle verwandelt. Seine Affinität zu Raum und Licht ist auch in seinen Bildern zu erkennen. Sie zeigen, welche Wirkung über die Wand rennende Pferde oder auf Felsnasen in den Raum ragende Fratzen im dunklen Steinzeitgemach entfalten können, wenn sie von einer einzigen Lichtquelle erfasst werden. Die Ausstellung trägt dieser Sehweise Rechnung. Der Besucher macht sich mit der Taschenlampe in die Dunkelheit auf, um auf langen Wänden im Untergeschoss des Museums nach Pferden, Strichen und Fratzen zu suchen. Urs Willmann

Die Ausstellung "Bilder im Dunkeln" ist bis zum 31. Oktober im Neanderthal Museum zu sehen