Die Kunst ist ganz verschwunden im Gewöhnlichen, perfekt getarnt als Gemüsegärtchen, Pflanzspirale, Vogelscheuche, als Glashaus für Kakteen. Wären da nicht die knalligen Schildchen, niemand käme drauf, dass sich hier zwei Künstlerinnen ins Werk gesetzt haben, die Zwillingsschwestern Irene und Christine Hohenbüchler. In der Documenta- und Biennalenszene sind sie lange schon bekannt für ihre unnormalen Normalitäten: Sie malen mit psychisch Verwirrten, basteln mit Kindern, weben mit Gefangenen. Und auch hier, in der Kartause Ittingen, einem heimeligen Klostergut unweit von Zürich, haben sie nicht einfach eigene Bilder und Skulpturen abgeliefert. Eingeladen vom dortigen Kunstmuseum, verlegten sie sich wiederum aufs Künstlern mit Hilfsbedürftigen, diesmal mit den behinderten Menschen, die auf dem Gut wohnen und arbeiten. Ein jeder sollte sich seinen Gartentraum erfüllen dürfen und ein eigenes Miniparadies anlegen, so wurde es beschlossen.

Alles nur anti, anti, anti

Herausgekommen ist eher Unparadiesisches: ein paar schreberige Rabatten, einige Weidengeflechte, dazu Holztürme wie vom Bauspielplatz. Dennoch tragen sie das Etikett Kunst, werden in einer Ausstellung dokumentiert und neuerdings auch von einem eigenen Katalog beschrieben. "Uns ist es ziemlich egal, was am Ende herauskommt", sagen die beiden Schwestern lapidar. Kunst müsse das Gespräch fördern, die Gestaltungslust der Einzelnen, das Selbstbewusstsein der Schwachen – vor allem darauf komme es an, und dafür sei jedes Mittel recht. Der Künstler als Fachmann fürs Ästhetische hat in ihren Augen ausgedient, und auch von der Aura eines Werks wollen sie nichts wissen. Kunst, das ist für sie primär die Kunst des Helfens – nicht eine Frage der Ästhetik, sondern der Ethik.

Ganz ähnliche Heil- und Hilfsgelüste verspüren derzeit erstaunlich viele Künstler. Schon Anfang der neunziger Jahre hatten sich manche vom Rätselhaften und Verschrobenen der Kunst abgewandt und stattdessen die Bedürftigen dieser Welt ins Zentrum ihres Schaffens gestellt. Seither ist die Zahl der Künstlerinitiativen in Psychatrien, Wohnheimen und Drogenquartieren stetig gestiegen. Ganz im Stillen, oft abseits der üblichen Museumsbühnen, suchen zahlreiche Sozialaktivisten nach einem neuen Zugang der Kunst zur Wirklichkeit – oft mit verblüffendem Erfolg. Die Künstlergruppe WochenKlausur zum Beispiel sorgte in Wien dafür, dass Obdachlose kostenlos medizinisch versorgt werden. Dan Peterman richtete in Chicago eine Werkstatt ein, in der Jugendliche lernen, wie man Fahrräder repariert. Iris Andraschek und Hubert Lobnig teilten in ihrem Wohnquartier kostenlos Suppe aus, auf dass sich alle Nachbarn besser kennen lernen.

Manche der Künstler stehen zwar noch mit einem Bein in der Galerien- und Museumsszene, andere aber wenden sich ganz ab von jeder Form des Anschaubaren. "Angesichts realer Härtefälle ist diese Form der Lust in der Kunst eitel geworden", sagt Wolfgang Zinggl von der Gruppe WochenKlausur. Und auch einige seiner Kollegen fragen sich, welchen Sinn denn noch im Bild- und Zeichenhaften liegen könnte, wo doch ohnehin Medien und Werbung unablässig Bilder und Zeichen ausspucken und sich die Alltagswelt immer weiter ästhetisiert. Jede Gartenbank, jeder Toaster, jeder Fahrkartenautomat versucht heute, eine skulpturale Kraft zu entfalten. Und sogar Volkswagen verkauft seine Autos längst als kunstvolle Bedeutungsträger.

Angesichts dieses Überschusses an Form und Gestaltung fühlen sich nicht wenige Künstler fürchterlich überflüssig – und retten sich in eine antisymbolische, antizeichenhafte, antiallegorische Kunst. Sie weichen aus ins Reale, suchen Zuflucht bei den wahren Menschen, vor allem bei jenen, die sie als ebenso existenz- und identitätsbedroht empfinden wie sich selbst, bei den Ausgegrenzten und Geschwächten. Hier hoffen sie jene Differenz zu finden, die der Kunst von Werbern und Designern abspenstig gemacht wird. So nennen die Hohenbüchler-Schwestern ihr Klosterprojekt die Wilden Gärten, ganz, als hofften sie, in den behinderten Menschen etwas Unverbildetes und Urtümliches anzutreffen – so wie einst Paul Gauguin, der mit der Sehnsucht in die Südsee reiste, sich selbst im gänzlich Anderen wiederzufinden.

Oft verdeckt die vermeintliche Selbstlosigkeit vieler Künstler nur die eigene Selbstverlustigkeit, und leicht machen sie Hilfsbedürftige zu Objekten. Zum Beispiel ließ der Künstler Roman Buxbaum vier tschechische Schwarzarbeiter in einem leer stehenden Hotel in Thalwil einquartieren und öffnete ihre Zimmer tagsüber, während sie auf der Arbeit waren, für das Publikum, das sich voyeuristisch über die Alltäglichkeiten der Männer beugen durfte; nachts war das Hotel wieder ihre Bleibe.

Nur selten kommt es zu solch perfiden Fällen von künstlerischer Ausbeutung, doch auch bei anderen Hilfsunterfangen werden die Hilfsempfänger mitunter missbraucht. Sie können nicht absehen, auf was für ein Projekt sie sich einlassen, und ohne es recht zu wollen, werden sie zum Gegenstand der Kunst und der Kunstbetrachtung, so wie einige Teilnehmer des Gartenprojekts der Hohenbüchler. Nicht alle mögen die Öffentlichkeit, die sie nun erfahren, nicht alle sind glücklich mit der Rolle des authentischen Exoten. Und skeptisch kann man fragen, warum nur sie und nicht auch andere Angestellte des Klosterguts für die Traumgärtnerei eingeladen wurden? Bestärkt die Beschränkung nicht das klassische Opferklischee, demzufolge alle behinderten Menschen zu bedauern seien und man ihnen dringend einen Wunsch erfüllen müsse?