Die Arbeitswoche von Jana ist lang. Jeden Tag arbeitet sie von zehn Uhr morgens bis elf, zwölf Uhr in der Nacht. Dazu kommt noch eine Stunde Fahrt mit dem Auto hin und zurück. Jana fährt jeden Tag über die deutsch-tschechische Grenze, um im Nachbarland ihr Geld zu verdienen. "Das ist schon sehr anstrengend", erzählt die 22-Jährige aus Westböhmen, "mein Privatleben ist eigentlich gleich null."

Seit zwei Jahren arbeitet Jana als Kellnerin in einem 5000-Seelen-Dorf nahe Weiden. Ihr Gehalt: 900 Euro im Monat. Dazu kommen 20 Tage Urlaub. Ihren eigenen Namen und den des Kaffs im Bayerischen Wald will Jana lieber nicht in der Zeitung veröffentlicht sehen. "Hier kennt jeder jeden", meint sie. In ihrer Heimatstadt Marienbad (Mariánské Lázn), nur 50 Kilometer Luftlinie von Weiden entfernt, hätte Jana bloß 12000 Kronen Anfangsgehalt bekommen, umgerechnet 400 Euro. Trotz Abitur und Ausbildung zur Hotelfachfrau.

Jana gehört zu mehr als 30000 Tschechen, die längst ganz legal in Deutschland arbeiten. Zwar fürchten viele Deutsche, mit der EU-Erweiterung könnte die wahre Einwanderungswelle erst anrollen – wenn nicht jetzt, dann spätestens, sobald die Übergangsregeln auslaufen (siehe Kasten). Aber Jana ist wie viele ihrer Landsleute gar nicht erpicht darauf, dauerhaft nach Deutschland überzusiedeln. Sie betrachtet Deutschland eher als Durchgangsstation, um etwas Geld beiseite zu legen und ihr Fernstudium zu finanzieren. Demnächst will sie ihr Diplom als Hotelfachfrau erwerben und sich eine Management-Stelle suchen. Dann aber in Tschechien, wie sie sagt, "denn das ist ja meine Heimat".

Ähnlich heimatverbunden denkt Edita Hofmanová*. Auch sie arbeitet schon in Deutschland, aber nicht des Geldes wegen, wie sie sagt. Die 26-Jährige hat in Bonn einen Job bei einem großen deutschen Konzern. Dort ermittelt sie, auf welchen Weltmärkten sich Investitionen rentieren. Dabei hatte Edita ursprünglich gar nicht geplant, in Bonn zu arbeiten. "Mein Motiv war mein Verlobter", sagt sie. Jetzt vermisst sie ihre Heimatstadt Prag und ihre Familie. Alle zwei Monate macht sie sich auf die Reise nach Osten, um ihre Eltern und ihre Schwester wiederzusehen.

Von ihren Freunden, sagt Edita, gebe es nur wenige, die einen solchen Schritt in die Fremde wagen würden. "Kein Wunder, dass ich in Bonn seit zwei Jahren noch keinen Tschechen kennen gelernt habe." Eine Überflutung von billigen Arbeitskräften aus Polen, Tschechien und Ungarn? "Die persönlichen Bindungen sind für die meisten viel zu stark", glaubt die junge Pragerin.

Zumal sich der Papierkram für den Großteil der 74 Millionen neuer Europäer nach dem EU-Beitritt kaum verringern wird. Denn für Zuwanderer gilt die so genannte Übergangsphase: Tschechische Arbeitnehmer brauchen deshalb weiterhin eine besondere Genehmigung, wenn sie nach Deutschland kommen wollen. Was das im Klartext bedeutet, hat Edita am eigenen Leib erfahren. Schon nach einem Monat in Deutschland hatte sie einen Job bei einer Düsseldorfer Personalagentur gefunden. Doch dem Chef wurden die Formulare zu viel. Umständlich sollte er dem Arbeitsamt nachweisen, weshalb er keinen Deutschen oder anderen EU-Bürger finde. Daraufhin winkte Editas Beinahvorgesetzer ab. Dafür habe er keine Ressourcen, ließ er sie wissen.

Ihr derzeitiger Arbeitgeber muss jetzt alle zwölf Monate eine Verlängerung ihrer Arbeitsgenehmigung beantragen. Mit der Osterweiterung soll sich das ändern – dann kann Edita nach zwölf Monaten Arbeitserlaubnis unbeschränkt hier arbeiten.

Martin Záklasník ist bereits vor seinem Examen von einer großen deutschen Beratungsfirma im Rheinland angeworben worden. "Ich hatte während des Studiums dort ein Praktikum geleistet, und sie wollten mich direkt übernehmen", sagt der 27-jährige Absolvent der Prager Wirtschaftsuniversität. Auch für ihn könnte Deutschland nur ein Zwischenstopp sein. "Ich bin das Herumziehen von zu Hause gewöhnt", sagt Martin, der sieben Fremdsprachen beherrscht und sich vorstellen kann, irgendwann nach Spanien oder in die USA zu gehen.