Noch vor zwei Jahren musste Walter Wagner seine Arbeit an der Verbesserung des Schulunterrichts politisch rechtfertigen. In einer Anfrage wollte der Bayerische Landtag wissen, wozu man Wagners Fach Didaktik überhaupt brauche. „Die wussten weder, was wir machen, noch, wie man Didaktik schreibt“, staunte Wagner. Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet. Nun hat der Chemiedidaktiker der Universität Bayreuth sogar ein Lobschreiben des Schulministeriums bekommen. Der Grund: Sein Projekt „C#NaT“ („Chemie vernetzt Naturwissenschaft und Technik“) wurde von der Robert Bosch Stiftung zur vorbildlichen Reforminitiative gekürt.

Wagner will der Misere des Fachs Chemie, das bei Schülern äußerst unbeliebt ist, mit spannenderem Unterricht begegnen. In Eigenregie entwickeln Lehrer, Schüler und Professoren neue Experimente – Woraus bestehen Lego-Bausteine? Wie wurden Farben in der Steinzeit gewonnen? –, die neues Interesse an dem als dröge empfundenen Stoff wecken sollen. Den Erfolg garantieren strenge Evaluatoren – bei den Lego-Experimenten dienen 13-jährige Mädchen als Testkandidatinnen. Heute vermittelt Wagner Fortbildungen für Chemielehrer aus ganz Oberfranken. Diese sind auch deshalb ein Erfolg, weil die Pädagogen, anders als sonst üblich, ihre Fahrkosten erstattet bekommen und in die Mensa zum Mittagessen eingeladen werden. „Dazu braucht es keine hohen Beträge“, sagt Wagner, „aber erstmals fühlen sich die Lehrer ernst genommen.“

So sinnvoll dieses Projekt auch klingt – ohne die Förderung mit privaten Geldern wäre es wohl nie zustande gekommen. „Haben wir früher Anträge gestellt, wurden sie vom Forschungsministerium abgelehnt, weil es ja um Schulen ging. Und das Schulministerium winkte ab, weil es ja Aktivitäten der Universitäten seien“, berichtet Wagner. Erst als die Robert Bosch Stiftung, die in ihrem Programm „NaT-working“ ähnliche Reformvorschläge in Deutschland fördert, knapp 40000 Euro bewilligte, kam die Initialzündung.

Geld, Anerkennung und die Kraft, Neues auf den Weg zu bringen – was deutsche Schulen und Universitäten dringend benötigen und die Politik oft nicht liefern kann, scheinen die deutschen Stiftungen im Überfluss zu verteilen. Sie setzen Ideen schnell und pragmatisch um und sind damit der Bildungspolitik oft um zwei Schritte voraus. An nahezu allen wichtigen Bildungsreformen sind heute Stiftungen direkt oder indirekt beteiligt – mit allen Vor- und Nachteilen, die eine solche private Einflussnahme mit sich bringt.

Die Zahl der Unternehmer oder Erben, die ihr Vermögen vor dem Fiskus retten und gleichzeitig Nützliches für die Gemeinschaft tun möchten, steigt Jahr für Jahr. Über 12000 gemeinnützige Stiftungen gibt es mittlerweile in Deutschland, ein Drittel von ihnen hat sich der Förderung von Wissenschaft, Bildung und Erziehung verschrieben. Sie unterstützen hoch begabte Schüler oder benachteiligte Migrantenkinder, sponsern Kongresse zur Reformfähigkeit der Universitäten und Feldversuche zum frühkindlichen Lernen. Einige fördern mit geringen Mitteln Orchideenfächer wie die Koptologie, andere gründen gleich ganze Hochschulen.

„Dinge, die über das tägliche Geschäft hinausgehen, bekommt man fast nur noch über Stiftungen finanziert“, sagt Jürgen Mlynek, Präsident der Berliner Humboldt-Universität. Das scheinen mittlerweile selbst Politiker zu glauben. Was fällt ihnen ein auf die Frage, wie die Goldreserven für die Bildung nutzbar gemacht werden können? Eine unabhängige Stiftung soll es machen.

Wie viel Geld von privaten Stiftern derzeit insgesamt in den Bildungsbereich fließt, weiß niemand genau. Dass sie immer mehr wahrgenommen werden, dafür sorgen sie zunehmend selbst. Denn bei aller Förderung des Gemeinwohls konkurrieren die Stiftungen miteinander und versuchen sich in der Öffentlichkeit zu profilieren. So fördert etwa die Telekom-Stiftung mit mehreren Millionen Euro das Deutsche Telekom Innovation Center an der TU Berlin. Und wenn die Hertie-Stiftung ihrem Namen Glanz verleihen möchte, gründet sie eine Hertie School of Governance, die in ihrem Titel im schönsten Spagat eine Kaufhausmarke, die man mit Massenware assoziiert, mit einem Elite-Ausbildungsprogramm für Staatenlenker vereint.