Für die Ungarn ist dieser 1.Mai eine festliche Station auf einem langen Weg: Wir wissen nun, wohin wir gehören, und halten das für eine unumkehrbare Entscheidung. Kollektiver Wahnsinn geht oft aus dem Mangel an Zugehörigkeit hervor, daraus, dass die Autorität über uns verunsichert ist, dass wir uns in unserem kollektiven Sein gefährdet sehen, dass das Dach über uns rissig wird und ins Rutschen gerät. Für die Völker des ehemaligen Jugoslawien war es im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ein Unglück, dass innere und äußere Ambitionen nach dem Zerschlagen des Gebäudes die Zugehörigkeit der Menschen infrage gestellt hatten.

Es bedarf einer gehörigen Portion an Optimismus, um mit wirklicher innerer Freude zu sagen: Endlich haben wir unseren Platz eingenommen, nach so vielem Hin- und Hergerutsche können wir uns beruhigen, wir sind daheim angekommen, zu Hause in der europäischen Großfamilie; das Pathos der Verletzungen, des Grolls, des Gefühls, betrogen und zurückgesetzt worden zu sein, das Selbstmitleid sollten wir im Schrank verschließen.

Was mich betrifft, so leide ich an Optimismus keinen Mangel, und ich denke: Na, endlich! Von nun an werden wir als Kollektiv normal sein, das heißt eine Nation, die sich nüchtern und behaglich in ihrer Umgebung einrichtet und auch mit sich selbst versöhnt.

Wenn wir allein bleiben, wenn es weder einen Westen noch einen Osten gibt, verkrampfen wir uns ineinander, drehen durch, bilden uns ein, die größte Gefahr befinde sich unmittelbar vor unserer Nase, in der Regierung oder in der Opposition.

Der Zweite Weltkrieg hat eine Million Menschenleben gefordert, die Revolution von 1956 ungefähr zehntausend und 1989, das Annus mirabilis, das wunderbare Jahr, und was daraus entstanden ist, die demokratische Entwicklung, kein einziges. An unangenehmer Atmosphäre, Schmähreden, paranoiden Feindseligkeiten und innerhalb der neu gebackenen politischen Klasse an eitlem Protzen aber hat es seit der Wende, die wir gern auch als Umbruch bezeichen, mehr als genug gegeben. Ich glaube, das Bewusstsein, zu einem größeren Ganzen zu gehören, und unsere Fähigkeit zur begründeten Relativierung, unser eigenes politisches Theater nicht als die gesamte Welt zu empfinden, sondern uns gelegentlich auch als einen Nebenschauplatz zu betrachten, könnte den politischen Diskurs zivilisieren.

Ohne die Erfahrungen, geistigen Leistungen und ohne die Haltung Ostmitteleuropas inklusive Ungarns wäre Europa nicht das, was es ist. Jedenfalls kann die alte Behauptung, dass die Ungarn ihre Kriege verlieren, den Frieden jedoch gewinnen, jetzt den Beweis antreten.

Mein antipolitischer Ausgangspunkt rät zu ironischer Wachsamkeit. Deshalb gefällt mir eine europäische konstitutionelle Beschränkung nationalstaatlicher Souveränität. Und es gefällt mir auch, wenn die urbane und die dörfliche Gesellschaft innerhalb des Nationalstaats sich selbst verwalten. Sowohl von außen wie auch von innen gilt es, die Mächte zu kontrollieren. Für mich bedeutet die EU größere Sicherheit und Freiheit, einen weiterreichenden Horizont und umfassendere Erfahrungen. Nationale Politiker gibt es viele in Europa, europäische wenige. Die in der Union tonangebenden Regierungs- und Staatsoberhäupter vertreten am europäischen Runden Tisch meist Eigeninteressen, verlieren ihre Wähler nicht aus den Augen, erhoffen sich Zustimmung von zu Hause. In Vertretung ihrer von den heimischen Populisten angeforderten nationalen Ziele müssen sie in der Eskalation der Diskussionen ausdauernd sein und reichlich aus der gesamteuropäischen Phraseologie schöpfen. Daran ist moralisch nichts Verwerfliches; darin sind sich alle gleich. Innenpolitische Motivationen werden zu außenpolitischen und gesamteuropäischen Interessen umformuliert. Dennoch wäre es möglich, dass sich in der Rivalität der Stimmen, Ansprüche und Argumente ein praxisorientierter Kompromiss herausbildet, eine Annäherung an das, was recht und billig ist.

Hitlers und Stalins Staaten haben hinter der stolzen Fassade nationaler Souveränität mit ihren Einwohnern getan, was sie wollten. Ich würde mich freuen, wenn die europäische Assoziation die Macht der nationalen politischen Klassen sowohl von oben als auch von unten beschnitte. Es gilt, die Politiker im Auge zu behalten; auf dem Gipfel sind sie gern allein. Mit ihrer Position geht die Versuchung einher, möglichst viel Einfluss und Macht zu erwerben. Das ist keine moralische, sondern eine funktionale Frage, deren Deutlichkeit kein noch so demokratischer Moralismus verschleiern kann. Eine Beschränkung der lokalen nationalen politischen Klasse halte ich für wünschenswert, denn mein Vertrauen zu ihr ist nur mäßig.