Europa Wir werden normal seinSeite 2/2
Zum Glück verheißt die EU den nationalen Politikern eine weitere Karriere und auch eine Ausweitung ihres Kompetenzbereichs. Dass ich von der Europäischen Union eine wesentliche Verbesserung der Lage der schöpferischen Intelligenz erwarten würde, so weit geht mein Optimismus schon nicht mehr. Für alles wird es Subventionen geben, nur nicht für die Kultur. Wenn ich die Zahlen recht verstehe, dann ist für die Unterstützung kultureller Zwecke in der Union sogar weniger als ein Tausendstel des Etats vorgesehen. Suchen wir aber eine Antwort auf die Frage, was Europa zusammenhält, dann sage ich, ohne zu zögern: seine symbolische Kultur, die Künste, das Schreiben und in diesem Rahmen die religiöse und profane Literatur, die Jahrhunderte, ja Jahrtausende früher entstanden ist als die wirtschaftliche und politische Allianz Europas.
Im Hinblick auf Pluralität, Urbanität, Lebensstandard und Lebensqualität jedoch nimmt wohl Europa, das sich am ehesten selbstkritisch betrachten kann und dessen Wirtschaft hinter der amerikanischen nicht zurücksteht, den ersten Platz ein. Allerdings hat sich Europa im vergangenen Jahrhundert gleich zweimal schuldig gemacht, hat zwei Weltkriege zu verantworten und hat sich in das Bett der widerwärtigsten Diktaturen gelegt. Zum Prahlen hat Europa weder Grund noch Recht.
Nur eine Minderheit der Menschheit lebt in demokratischen Rechtsstaaten. Diese Minderheit sollte zusammenhalten und über die gemeinsamen Belange, Verantwortlichkeiten und Strategien möglichst offen nachdenken. Freiheitsrechte und relativer Wohlstand hängen zusammen.
In Wirklichkeit findet kein ökonomischer und kein militärischer, sondern ein geistiger Wettbewerb statt: Wer sieht die Welt genauer? Europa wird ausnutzen, was es besitzt: seine pluralistische geistige Kapazität. Europa bleibt nichts weiter übrig, als seine Vielfalt zu mögen, denn darin besteht seine Stärke, die des mehrgeschossigen Menschen gegenüber dem ebenerdigen Menschen. Von dem, was wir über die Gedankenfreiheit gelernt haben, dürfen wir uns für keinen einzigen Moment abbringen lassen, denn daraus würden nur Schande und Lächerlichkeit resultieren.
Der geistige Nachlass des antiken Jerusalem und Athen war gewaltig, während ihre Bevölkerung nicht größer war als die einer Kleinstadt von heute. Die Europäische Union hat bereits eine hübsche Größe erreicht und wird in absehbarer Zeit noch weiter wachsen. Wie groß wir sind, das hängt nunmehr zusehends davon ab, was wir im Kopf haben, wie neugierig wir auf die Welt sind, auf die große und die kleine, gegebenenfalls auf die aus einer einzigen Person bestehende.
Mit der Annahme der keineswegs vollkommenen gemeinsamen Verfassung überschreiten wir den Rubikon, womit wir das Klügste tun, was wir tun können. Deshalb werde ich am 1.Mai aus Freude darüber, dass auch wir Ungarn Bürger der Europäischen Union geworden sind, eine gute Flasche Rotwein öffnen. Was für ein Mensch der europäische Bürger ist? Einer wie wir? Was sonst!
Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke
- Datum 29.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 29.04.2004 Nr.19
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