Rocinha/Rio de Janeiro

Der 21.April ist in ganz Brasilien ein Feiertag. Am 21. April 1792 wurde der Tiradentes (Zahnzieher) genannte Anführer einer liberalen Verschwörung gegen die portugiesische Kolonialmacht von Pferden auseinander gerissen. Sein Kopf wurde auf einen Pfahl gespießt und öffentlich ausgestellt. Am diesjährigen Feiertag hatte sich Viva Rio (Es lebe Rio de Janeiro), eine Organisation mit immerhin 800 Angestellten, die sich dem Kampf gegen die Gewalt verschrieben hat, etwas Besonderes ausgedacht: den dia del carinho, den "Tag der Liebe". Den Bewohnern von Rocinha, eines Elendsviertels am Rande Rio de Janeiros, das von Drogenbossen beherrscht wird und seit zwei Wochen von über 1200 Militärpolizisten besetzt ist, sollte ein Zeichen der Solidarität überbracht werden: Kinderspielsachen und weiße Papierblumen.

Etwa 250 Personen, vorwiegend Jugendliche, fast alle aus den mittelständischen oder wohlhabenden Vierteln der Metropole am Zuckerhut, alle in weiße T-Shirts gekleidet, machen sich in drei Reisebussen auf nach Rocinha. In eine Favela, einen lateinamerikanischen Slum, haben viele von ihnen noch nie einen Fuß gesetzt. Zunächst geht alles gut. Die Kinder freuen sich über Pappnasen, Vampirzähne und Murmeln. Erwachsene gucken aus den Fenstern, treten vor die Tür, gewähren den Gästen einen Blick in die dunklen, engen, armseligen Behausungen. Doch dann fallen Schüsse, eine halbe Stunde lang. Drei Polizisten werden verletzt ins Krankenhaus gefahren. Ein Bandit stirbt im Kugelhagel. Es ist der dreizehnte Tote innerhalb von zwölf Tagen. Vor ihm sind sieben mutmaßliche Drogenhändler, zwei Polizisten und drei Unbeteiligte gestorben. Nach einem Jahrzehnt relativer Ruhe ist in Rocinha wieder der Krieg ausgebrochen.

Angefangen hat alles am Karfreitag. Eine Stunde nach Mitternacht versuchte Eduíno Eustáquio de Araújo, genannt Dudu, mit 70 Anhängern die Favela zu erobern. Bis 1995 war Dudu unumstrittener Boss von Rocinha. Dann wurde er gefasst und wegen Mordes und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu 30 Jahren Haft verurteilt. Am 17. Januar dieses Jahres – da saß er schon neun Jahre hinter Gittern – durfte er seine Familie besuchen. Statt ins Gefängnis zurückzukehren, tauchte er ab. Nun versuchte er also, seine alte Machtposition wieder einzunehmen, das heißt, die Kontrolle über die fünf festen bocas de fumo zurückzugewinnen, öffentliche Verkaufsstellen von Kokain und Marihuana. Doch da hatten sich längst die Anhänger von Luciano Barbosa da Silva, genannt Lulu, festgesetzt.

Dudu und seine Mannen drangen von der nahen Favela Vidigal her nach Rocinha vor. Als Erste starb Telma Veloso Pinto. Sie hatte versucht, eine Barrikade der Banditen zu durchbrechen und wurde erschossen. Kurz danach fielen ein Kindermädchen und ein Skateboarder, möglicherweise getroffen von Querschlägern. Dann stießen die Eindringlinge auf den Widerstand von Lulus Truppen und später auch der Polizei. Etwa 30 Banditen wurden festgenommen, den übrigen – unter ihnen auch Dudu – gelang die Flucht in den Urwald, der am Rand von Rocinha beginnt.

Am sechsten Tag der Auseinandersetzungen erschoss die Polizei Lulu und einen seiner Leibwächter. Der Drogenboss hatte seine Villa mit Sauna und Swimmingpool, mitten in der Favela, schon Tage zuvor verlassen. Rocinha ist der größte Umschlagplatz für Kokain in ganz Brasilien. Monatlich hat Lulu Drogen im Wert von umgerechnet etwa 11Millionen Euro umgesetzt. Schätzungsweise 20 Prozent des Rauschgifts bleiben in der Stadt, der Rest findet den Weg ins übrige Land und nach Europa. Doch jetzt sind in Rocinha die bocas de fumo, wo man sich für branco (weiß, für Kokain) und preto (schwarz, für Marihuana) wie beim Bäcker für Brötchen anstellte, vorerst geschlossen.

Rocinha mit seinen offiziell knapp 60000, real vermutlich etwa 120000 Einwohnern, gilt als größte Favela Lateinamerikas. Doch die Hütten aus Wellblech und Karton haben schon vor Jahrzehnten stabilen Häusern aus Zement Platz gemacht. Es gibt Elektrizität, fließendes Wasser, Kabelfernsehen, Banken, ein Internet-Café, McDonald’s, ein Fitness-Zentrum und – sicher auch dank des schmutzigen Geldes – über tausend kleine Läden. Inzwischen bieten Tourismus-Unternehmen Ausflüge nach Rocinha an.

Drei Schulen und drei Ärzte für 120000 Menschen