Plötzlich, vergangene Woche, geht es mal nicht um den Irak, sondern um die Schöpfung. Mitten im Wald haben sie ein Podium und zwei Mikrofone für den Präsidenten aufgebaut. George W. Bush lobt "diesen wunderbaren Flecken Erde" an der Küste von Maine. "Der Zustand von Wasser, Luft und Land in Amerika", ruft er aus, "hat sich verbessert." Wahlkampf ist die Zeit, sich zu brüsten. Bush hat allen Anlass dazu, denn die Umfragen zeigen: Beim Thema Umweltschutz sind die Leute misstrauisch, die Mehrheit glaubt den Ansagen und Versprechungen des Präsidenten nicht.

Im Jahr 2001, kaum im Amt, hatte Bush eine Kommission unter Führung seines Vizepräsidenten Cheney eingesetzt, um Amerikas Abhängigkeit von Energie-Importen zu verringern. Dieses Ziel verfolgte der Präsident, wie er damals sagte, "um das Wachstum bis weit in die Zukunft zu sichern". Deshalb brauche man mehr "Rohstoffgewinnung, auch zu Hause".

Die Unabhängigkeit von Ölimporten ist der alte Traum Amerikas. Bis 1953 förderten die Vereinigten Staaten die Hälfte des Öls, das benötigt wurde, im eigenen Land. Dann wurden die Ressourcen allmählich knapper. 1973 veranlasste die Ölkrise Präsident Nixon zu seinem "Projekt Unabhängigkeit", das seitdem zum Programm fast aller Amtsinhaber gehört. Dabei finden sich nur noch drei Prozent der globalen Ölvorräte in amerikanischem Boden, von Unabhängigkeit kann keine Rede mehr sein.

Aber George W. Bush argumentiert weiter in der Tradition seiner Vorgänger. "Regulierungen und Gesetze" behinderten die Exploration, deshalb sollen diese Fesseln beseitigt werden. Außerdem benötige das Land neue Atom- und Kohlekraftwerke, bessere Pipelines, mehr Infrastruktur. Zwar wird auch über erneuerbare Energien nachgedacht, die Entwicklung wasserstoffbetriebener Autos propagiert, doch im Kern kommt die Zukunftswelt des Präsidenten fast ganz ohne das Bemühen um Energie-Einsparungen aus.

Seit zwei Jahren wartet Bush auf die Verabschiedung seines neuen Energie-Gesetzes, das auch die Erlaubnis umfasst, die arktische Wildnis Alaskas aufzubohren. Beide Kammern des Parlaments haben mehrfach über unterschiedliche Entwürfe abgestimmt; ein Vermittlungsausschuss tagt wieder und wieder. Das Alaska-Projekt ist mittlerweile am Widerstand der Senatoren im Kongress gescheitert, aber auch der Rest des geplanten Gesetzes ist bislang noch nicht mehrheitsfähig. So bestehen die Demokraten auf ihrer Forderung, der Autoindustrie des Landes sparsamere Autos abzuverlangen.

Immerhin hat die Regierung in der Zwischenzeit dafür gesorgt, mit Hilfe von Verordnungen voranzukommen. Die Behörden wurden angewiesen, Bohrrechte schnell zu erteilen, im Gegenzug sind die Rechtsmittel für betroffene Bürger eingeschränkt und die Prüfungen auf Umweltverträglichkeit verkürzt worden.

Im Kampf um Amerikas Umwelt- und Energiepolitik sind in der Amtszeit von Bush bereits zwei Minister auf der Strecke geblieben. Der eine, Finanzminister Paul O’Neill, verstand zwar den Widerstand gegen das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz, wollte aber Alternativen entwickeln. Die zweite, Umweltministerin Christine Whitman, vertrat den "mitfühlenden Konservatismus", von dem George Bush gerne redet. Im Amt spürte sie dagegen wenig von der "neuen Balance" zwischen Ökonomie und Ökologie, von den Chancen der "Selbstaufsicht" der Unternehmen, den "Marktmechanismen" im Umweltschutz. Sie spürte nur den Markt. k-b