Sollte Osama bin Laden je gefasst werden, müssen sich islamistische Terroristen nicht grämen. Er hat schon einen Nachfolger. Der Strippenzieher für vergangene und mögliche kommende Gräueltaten in Madrid, Düsseldorf, London und Städten der arabischen Welt heißt Abu Musab al-Zarqawi. Die Polizei in Jordanien vermutet den 38-Jährigen hinter dem Versuch, den wohl katastrophalsten Terroranschlag zu verüben, den es je gab. In der jordanischen Hauptstadt sollten mehrere Lastwagen voll Sprengstoff und Chemikalien vor Regierungs- und Behördengebäuden und einigen Botschaften explodieren. Dabei wären nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 20 000 und 80 000 Menschen ums Leben gekommen.

Zarqawi operiert auch im Irak. Dort wächst er zu dem heran, was bin Laden in der Staatsruine Afghanistan war - ein Rekrutierer, Geldbeschaffer und Befehlshaber für Dschihadisten aus aller Welt. Die Bombenleger von Madrid sollen ebenso mit Zarqawi verbandelt gewesen sein wie die Selbstmordattentäter von Casablanca, die Mörder von Kerbala und die Al-Tawhid-Gruppe in Düsseldorf. Geheimdienstler sprechen immer weniger von al-Qaida und immer mehr vom "Zarqawi-Netzwerk". In Frankreich, Italien, Spanien, England, Deutschland, der Türkei, Jordanien und Saudi-Arabien sind mittlerweile über 120 mutmaßliche Terroristen inhaftiert, die in Verbindung mit Zarqawi gebracht werden.

Anders als bin Laden hat der jordanische Chefterrorist übrigens erklärt, auch Muslime töten zu wollen - wenn dies nur das Gottesreich auf Erden näher bringe. Ob er hinter den jüngsten Bombenattacken in Damaskus steckt, ist ungewiss. Doch dass er sich für den geplanten verheerenden Chemie-Anschlag seine Heimat Jordanien aussuchte, ist kein Zufall. Ebenso wie bin Laden gilt Zarqawi als Aussätziger im eigenen Land, ebenso wie der saudische Terroristenführer ist er der gefährlichste Gegner der eigenen Regierung. Das Königshaus in Saudi-Arabien befindet sich seit einem Jahr in einer bitteren Abwehrschlacht gegen seine selbstgezüchteten Terroristen. Die Bomben gegen eine Polizeistation in Riad vergangene Woche waren bereits der dritte schwere Anschlag in nur einem Jahr, der erste auf ein Regierungsgebäude.

Zarqawi hat seinerseits genügend Gründe, das haschemitische Königshaus in Amman zu hassen. Jordanien ist einer der zuverlässigsten Verbündeten der USA im Nahen Osten. Auf König Abdallah ist aus US-Sicht mehr Verlass als auf die zerstrittene saudische Prinzen-Tausendschaft. Von Jordanien aus zogen GIs in den Krieg gegen Saddam Hussein, hierher fliegen amerikanische Ölmanager und Beamte, wenn sie mal Pause von Bagdad machen wollen. Jordanien unterhält schwierige, aber dauerhafte Beziehungen zu Israel. Aus der Sicht islamistischer Gewalttäter nicht minder haarsträubend ist die jordanische Innenpolitik. Drei Frauen sitzen in der Regierung, im vor einem Jahr neu gewählten Parlament arbeiten moderate Islamisten (die Konkurrenz der islamistischen Terroristen!) durchaus konstruktiv und demokratisch mit.

Was also tun mit diesem Musterschüler des Westens im Nahen Osten? Zarqawi meint: Wegbomben. Wir meinen: Jordanien braucht schnelle und massive Unterstützung des Westens, damit es den Weg in die Moderne weitergehen kann.

Und am besten helfen jene, die nicht laut darüber sprechen.