Die Geschichte steckt – wenn sie es gut meint mit den Menschen – voller Ironien. Eine ihrer schönsten Pointen ist diese: dass der 75. Geburtstag des ironischen, um nicht zu sagen sarkastischen Europaskeptikers Ralf Dahrendorf ausgerechnet auf jenen 1. Mai fällt, an dem nun in aller Feierlichkeit zehn neue ostmitteleuropäische Staaten der Europäischen Union beitreten.

Es wäre freilich verfehlt, seine Euro-Skepsis der Tatsache zuzuschreiben, dass Dahrendorf wichtige Abschnitte seines Lebens in Großbritannien zugebracht hat, in jener Nation, deren Staatsbürger und Lord auf Lebenszeit er geworden ist: Zehn Jahre lang leitete er die London School of Economics, danach war er Warden des St. Antony’s College in Oxford. Nein, europäischer Skeptiker war er schon lange gewesen – kein Wunder bei jemandem, dem es vor allem gelungen ist, sich auf seinem langen, brillanten akademischen und intellektuellen Lebensweg vom fatalen deutschen Hang zum "Tiefsinn" mit traumwandlerischer Sicherheit fern zu halten; nur einmal, als junger Soziologe, trat er für kurze Zeit über die Schwellen der Frankfurter Schule, um sich alsbald entsetzt abzuwenden. Wie skeptisch Dahrendorf von jeher über das Brüsseler Europa dachte, konnte jeder wissen, der – neben vielen anderen namentlich gezeichneten Beiträgen in der ZEIT – seine Anfang der siebziger Jahre unter dem Pseudonym "Wieland Europa" erschienene Artikelserie gelesen hatte, die großes Aufsehen erregte. Das Pseudonym, das der damalige EG-Kommissar Dahrendorf gewählt hatte, war in jeder Hinsicht ein Scherz: Der elegante Stil, das politisch unkorrekte Argument – all das verwies zuverlässiger auf den Autor als jede echte Namenszeile. Wie europäisch er zugleich dachte, zeigte sich daran, dass er bei einer Europawahl auf einer italienischen Liste kandidierte.

Dahrendorf ist der Sohn eines sozialdemokratischen Vaters, dessen politisch-moralischem Grundgerüst er die liebevolle Achtung immer bewahrte, auch als eine der prominenten liberalen Figuren der frühen Bundesrepublik. Man wagt kaum daran zu erinnern, dass solche Persönlichkeiten, neben ihrer wissenschaftlichen Laufbahn und literarischen Produktion, hierzulande einmal den organisierten Liberalismus namens FDP geprägt hatten!

Eine weitere schöne Ironie hat die Geschichte nur als ungenutzte Möglichkeitsform geboten: Es wäre immerhin denkbar gewesen, den deutsch-britischen Doppelstaatsbürger Ralf Dahrendorf zum deutschen Bundespräsidenten zu wählen. Morgens Schloss Bellevue, nachmittags House of Lords… Es hat nicht sollen sein. Trotzdem: Glückwunsch!