Was vereint Sanofi-Aventis und DaimlerChrysler? Zu viel Aufsicht in einem, zu wenig im anderen Fall. Was heißt "zu viel"? Bei der Einverleibung von Aventis durch die französische Pharma-Firma Sanofi haben sich Pariser Groß-Politiker so geriert, als seien sie Unterlinge des 14. Ludwig, des "L'état, c'est moi"-Monarchen, der die Wirtschaft nur als Filiale staatlicher Macht begriffen hat. Dieser Staat hat gedrängt und gedroht, bis sich der Schweizer Konkurrent Novartis eingeschüchtert zurückzog. Den Preis aber musste der "Sieger" Sanofi bezahlen: mit einem 30-Prozent-Aufschlag auf die Aventis-Aktien (auf den Preis vor der Balz). Gut für die Aventis-Aktionäre.

Aber auch für die von Sanofi? Das wird der Markt zeigen, und der wird sich von den Neo-Colbertianern um den Premierminister im H'tel Matignon nicht erpressen lassen.

Gravierender für die Zukunft Deutschlands ist der Fall DaimlerChrysler, einer Firma, die an einem Zuwenig an Aufsicht leidet, und dies schon seit 1998, als unter Jürgen Schrempp der Griff nach der Welt AG inszeniert wurde. Chrysler und Mitsubishi haben sich zur größten Kapitalvernichtungsmaschine seit der Sintflut summiert, und dies nicht etwa über Nacht, sondern mit einem Vorlauf, der länger ist als die Serie der Formel-1-Niederlagen von Mercedes. Dennoch hat der Aufsichtsrat den Vertrag des weltmachtheischenden Schrempp dreimal verlängert, zuletzt am 7. April. Dies wirft abermals die Frage auf, die den westlichen Kapitalismus, der mächtigsten Transformationskraft aller Zeiten, seit dem Fall Enron/Arthur Andersen quält. Wie kann ein System bestehen, dessen Kern aufweicht: die Aufsicht über Angestellte, die mit dem Geld anderer Leute arbeiten - es mal mehren, mal zerstören, aber stets ohne eigenes Risiko?

Wie fremd dieses Problem dem Rheinischen Kapitalismus gewesen ist, zeigt allein das neudeutsche Wörtchen Corporate Governance, etwa: "Unternehmensführung und -kontrolle". Zwar gibt es seit 2002 einen Kodex mit Empfehlungen vor allem für den Aufsichtsrat, aber die wenigsten Dax-Unternehmen halten sich daran. Zum Beispiel weigert sich ein großer Autohersteller, die einsichtige Regel zu befolgen, wonach ein Ex-Vorständler im Aufsichtsrat nicht für die Bestätigung der früheren Bilanzen zuständig sein darf. So kontrolliert sich der Kontrollierte ex post selbst, und dieses Gift zieht sich durch das gesamte deutsche Aufsichtsrats(un)wesen.

Völlig illegal ist in Amerika ein deutsches Lieblingskind: interlocking directorates, etwa: Ich sitze in deinem, du sitzt in meinem Rat. Dass der Allianz-Chef bei Bayer und dessen Aufsichtsratschef bei ihm am Kontrolleurstisch sitzt, würde in den USA den Staatsanwalt in die Firma holen. In Britannien verboten ist eine andere deutsche Unsitte: die gottgegebene Erhöhung des Ex-Vorstandschefs zum Aufsichtsratsvorsitzenden (was für die Hälfte der Dax-AGs zutrifft). Die Folge: Auch Verlierer werden belohnt. Schlimmer noch: Auf ihrer Wolke sitzend, können sie ihre Nachfolger kontrollieren und drangsalieren - die Leichen bleiben schön balsamiert hinter den Palisandertüren zurück. Betrachten wir die Komposition des Aufsichtsrates: Oft handelt es sich nicht um spitzzahnige Aufpasser, sondern um mildäugige Spezis. So formen Jürgen Schrempp und dessen Aufsichtsratschef Hilmar Kopper (seit 14 Jahren an der Spitze) ein Tandem, das schon länger währt als die Zweit-Ehen der beiden. Befindet das manager magazin: Schrempp "wirbt dafür, dass Kopper bis 2007 als AR-Vorsitzender im Amt weitermachen darf - der wiederum bringt Schrempps Vertragsverlängerung auf den Weg".

Fazit: Auf Aufsicht à la française können wir sehr gut verzichten, aber wenn sich die Wirtschaft nicht endlich einen verbindlichen Kodex gibt, wird es der Staat tun. Der Kapitalismus ist zu wichtig, um ihn seinen Angestellten zu überlassen.