Es liegt was in der Luft

Flugzeugabgase sind klimaschädlicher als Autoemissionen von Hans-Jochen Luhmann

Wirklich ist nicht nur, was wir aktuell wahrnehmen. Wirklich ist auch, was auf uns zukommt. Das Kommende können wir wahrnehmen im Modus der Erwartung. Je mehr wir es aber nicht erwarten, sondern dazu tendieren, es unseren vermeintlichen Interessen gemäß zu verdrängen, umso sicherer wird es uns überraschen. Und umso härter zudem. Das Klimaproblem ist eine solch harte Wahrheit.

Den Anlass für diese Erinnerung bietet die Flugverkehrsplanung. Den Einbrüchen nach dem 11. September 2001 und der Sars-Krise zum Trotz: Die vom Flugverkehr profitierenden Wirtschaftsbereiche und Regionen träumen ungebrochen typische Wachstumsfantasien. Auf "eine Verdoppelung (der Nachfrage) in den nächsten fünfzehn Jahren", entsprechend fünf Prozent Zuwachs pro Jahr, hat sich das Verkehrsministerium des Bundes in seinem "Flughafenkonzept" im Jahre 2001 festgelegt - und kein Ende des Wachstums in Aussicht genommen. Hoffnung auf Arbeitsplätze, das ist die Devise insbesondere der strukturschwachen Regionen in ihrer Planung für die geerbten früheren Militärflughäfen. Die Infrastruktur wird "nachfragegerecht" ausgebaut.

Anzeige

Wer sich seine kindliche Naivität bewahrt hat, den beschleicht ob der bekannten Muster der Zweifel: Da wird eine Infrastruktur für eine projizierte Nachfrage bereitgestellt, die später, sollte sie nicht boomen, zu Dumpingpreisen zum Boomen gebracht wird, um die Aufwendungen für die Infrastruktur wenigstens teilweise einzuspielen. Doch der Versuch wird eines Tages in einem Platzen der Wachstumsblase enden. Und zwar wegen des Klimawandels, den Flugzeuge erheblich beschleunigen.

Die Klimalast des Flugverkehrs übersteigt bereits heute die CO2-Emissionen von Ländern wie Großbritannien oder Kanada. Allerdings werden die Emissionen des internationalen Flugverkehrs von keinem Nationalstaat verantwortet - sie sind deshalb auch nicht "gedeckelt", unterliegen also keinerlei Begrenzungsverpflichtungen des Kyoto-Protokolls. Die Folge: Während die Klimagasemissionen der Industriestaaten, sofern sie sich an ihre Zusagen halten, sinken werden, werden die Emissionen des internationalen Flugverkehrs steigen. In 15 Jahren wird die Klimalast des internationalen Flugverkehrs mindestens so hoch sein wie die der Emissionen Großbritanniens und Kanadas zusammen.

In Wirklichkeit wird es noch schlimmer kommen. Dort oben, wo die Zivilluftfahrt ihre Verkehrsrouten hat, weil der Luftwiderstand gering ist, das Kerosin also besonders effizient genutzt wird, ist insbesondere ausgestoßener Wasserdampf in einem Maße klimawirksam, wie er es unten auf der Erde nicht ist. Flugzeugabgase sind deshalb viel klimaschädlicher als die vergleichbaren Abgasmengen von Autos. Wenn nichts geschieht, das ist sicher, wird die Zivilluftfahrt sich eines nicht zu fernen Tages, irgendwann in den Jahren zwischen 2020 und 2030, als ein Klimaübeltäter vom Kaliber eines "Bösewichts" wie den USA heute entpuppen.

Anders als die Vereinigten Staaten ist die zivile Luftfahrt aber keine Weltmacht. Es gehört deshalb nicht viel Fantasie zu der Prognose, dass die Wachstumsträume platzen werden. Spekulative Blasen können auch in der Verdrängung von Umweltgrenzen ihren Ursprung haben.

Der Wachstumsmechanismus folgt dem Muster der "Tragik der Allmende", dem Herunterwirtschaften von Gemeineigentum. Der Mensch lebt auf dem Land. Dort hat er Nationalstaaten gegründet, die unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen ein Schutzregime gegen den Klimawandel entwickelt haben.

Service