Ein postmodernes, postnationales Projekt sei Europa bisher gewesen, künftig aber werde daraus ein Entwicklungsprojekt. Mit dieser These konfrontierte ein bulgarischer Intellektueller seine Gesprächspartner, nicht ohne vorausgeschickt zu haben, dass für sein Land Europa die einzige Lösung sei. Sonst werde es kollabieren. Für Rumänien, assistierte einer seiner Kollegen aus dem Nachbarland beim lauten Nachdenken über das neue Europa, gelte das ebenso.

Wenn man es richtig heraushört bei all den Foren, Konferenzen, Symposien über das gute alte Europa vor dem 1. Mai, bleibt die Botschaft, dass nicht die Deutschen oder die Westeuropäer, sondern vor allem die Osteuropäer es sind, für die sich Europa mit "Aufbruch", "Neuanfang" und "Zukunft" verbindet. Vielleicht war es den Teilnehmern eines Forums am Berliner Wissenschaftszentrum (WZB) gar nicht bewusst – aber ihre Frage, ob sich Europa mit der EU-Osterweiterung übernimmt, beantworteten sie auffällig düster. Gunnar Folke Schuppert (WZB) wollte wissen, wie es gelingen solle, beispielsweise den Polen das Gefühl zu nehmen, dass ihnen eine "koloniale Einvernahme" bevorsteht. Dazu genau war doch die Verfassung gedacht, die zunächst an ihnen gescheitert ist. Nicht alle blickten so pessimistisch – "nein, realistisch!" – in die Zukunft wie Peter Glotz. Andererseits: So offensiv wie Günther Schmid, gleichfalls Sozialforscher am WZB, der einen "europäischen Marshall-Plan für strukturschwache Länder" anregte, geht derzeit sonst keiner mit dem um, was da auf alle zurollt.

Für Deutschland war Europa "Rehabilitation": Mit diesen Worten blickte eine polnische Professorin, Anna Wolff-Poweska, auf der Diskussionsveranstaltung in Schloss Neuhardenberg zurück. Insofern hätten es die Deutschen sogar einfach; Polen hingegen arbeite Geschichte, aber nicht Schuld ab. Polen und Deutschland stünden zum ersten Mal auf der gleichen Seite, vergaß sie nicht zu erwähnen, die Verständigung habe eine feste Struktur, nur fehle es leider an Politikern der jüngeren Generation auf beiden Seiten, die etwas anderes als kurzsichtige Klientelpolitik betrieben. Polen und Deutschland, ergänzte Peter Bender, einer der mentalen Ziehväter dieser Verständigung, "sehen beide nach Westen". Dadurch allerdings träfen Polen auf Deutsche, die ihnen den Rücken zukehrten und nach Frankreich schauten.

Wenn man den gemeinsamen Nenner all dieser Debatten und Foren über das "neue Europa" zu finden sucht, vom German Marshall Fund auf Schloss Elmau, dem Symposium der neuen Hertie School in Berlin, dem Wissenschaftszentrum Berlin, der deutsch-polnischen Gesellschaft, dann ist das: Europa redet wild durcheinander, aber dennoch, es zerfällt nicht, Europa entsteht im Reden gerade wieder. Es erlebt einen neuen Gründungsmoment, ohne schon einen Begriff dafür zu haben.

Grundsätzlich sei es ein "besonderer Blick" auf Europa, der Europa verbinden werde, sagte Ralf Dahrendorf verhalten optimistisch voraus. Er denke, die frische Luft werde kommen, aber nicht aus dem Osten, sondern aus dem Westen. Für ihn darf der Westen daher gerade nicht in zwei neue Lager zerfallen, "eine geteilte freie Welt ist das Ende der freien Welt". Vom postmodernen Projekt Europa zum Entwicklungsvorhaben? Ein Europa mit Identität und Verfassung oder "oben ohne"? Und dennoch mit einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik, weil es gar nicht mehr anders geht? Weiterhin ein "soziales" Europa, wie es ausgerechnet der amerikanische Professor Paul Pierson (Harvard) besonders schlüssig verteidigte?

Das Modell Europa müsse neu gedacht werden, empfahl eine britische Kollegin Dahrendorfs, es habe fünfzig Jahre lang funktioniert, tauge aber nicht für die nächsten fünfzig Jahre. Vermutlich war das in all dem wabernden Europa-Diskurs, wie vage auch immer, die beste Formel, um zu erklären, was vor dem 1. Mai in den Köpfen rumort. Das Neue ist in der Mache, noch lange nicht fertig. Europa erscheint wieder als endloser, vielleicht auch grenzenloser Prozess. Aber, und das bleibt die gute Nachricht, vom drohenden Rückfall in eine pure Freihandelszone ist angesichts der Dimension der Veränderung dennoch im Ernst beinahe nirgendwo mehr die Rede.