Ob der Daily Telegraph , Leib- und Magenblatt der gutbürgerlichen Mittelschichten, tatsächlich an Springer fällt oder ein anderer Konzern das Rennen macht: Für Tony Blair handelt es sich um ein publizistisches Nullsummenspiel. Der Telegraph, auflagenstärkste Qualitätszeitung des Landes (rund 870 000) wird seinen politischen Kurs nicht ändern. Wie schon der Spitzname "Torygraph" andeutet, zählt das erzkonservative, zutiefst euroskeptische Blatt zu jenen publizistischen Institutionen Großbritanniens, die völlig immun blieben gegen die Charmeoffensive Tony Blairs selbst in Zeiten, in denen der frischgebackene Premier auch von manchem Konservativen als Hoffnungsträger gefeiert wurde. Der Telegraph zeichnet sich durch unverbrüchliche Treue zu den Tories aus. Er ließ die Partei selbst in ihrer dunkelsten Periode nicht fallen, in der sie mit hilflosen Parteiführern geschlagen war.

Von solch vorbehaltloser medialer Unterstützung kann Tony Blair nur träumen. Die Labourregierung operiert in einer hektischen, aggressiven Medienlandschaft, die nun noch unwirtlicher wird. Labour hatte sich stets mit einer überwiegend feindseligen Presse abzuplagen. In den 70er und 80er Jahren bot die Partei ihren publizistischen Widersachern durch Radikalisierung und ausgeprägte Flügelkämpfe genug Stoff, um das Dauerthema "innere Zerrissenheit" endlos fortspinnen zu können. New Labour zog daraus Konsequenzen. In der Opposition bemühte man sich erfolgreich um stromlinienförmige Geschlossenheit; einmal an der Macht versuchte man das "Medienmonster" durch eine moderne Medienstrategie in Schach zu halten. Erfolg war dem nicht beschieden. Stattdessen wurde der Mythos vom teuflisch geschickten "Spindoktor" New Labours geboren. Die Medien schlugen der Regierung fortan unaufhörlich das Argument all spin, no substance um die Ohren. In Wahrheit erwies sich gerade die Präsentation von Politik als eine ihrer Schwächen.

Allerdings war New Labour nie zimperlich, wenn es um potentielle publizistische Alliierte ging. Weshalb Tony Blair nicht nur den Kontakt zu Rupert Murdoch pflegte und Irvin Steltzer, wichtiger Berater des Tycoons, häufig in Downing Street auftaucht. Der Premier lud selbst eine umstrittene Figur wie Richard Desmond zum Tee ein, nachdem dieser Verleger in 2000 die Zeitungen der Expressgruppe erwarb und einen Kurswechsel zugunsten Labours signalisierte. Bis dahin war Desmond, der vergangene Woche bei einem Treffen mit dem Telegraph -Management die Anwesenden mit Hitlergruß und Stechschritt überraschte, nur als Verleger diverser Sex- und Pornomagazine wie "Asian Babes" bekannt. Nun vollzog Desmond eine abrupte Kehrtwendung. Seine Gazetten, Daily Express, Sunday Express und das Boulevardblatt Daily Star , (allesamt mit einer Auflage von ca. 900 000) werden fortan die Tories unterstützen. "Bis oben" stünden ihm Blair und New Labour, verkündete der Verleger; die Regierung versage an allen Fronten, vor allem lasse sie zu, dass eine Flutwelle von Immigranten und Asylbewerbern ins Land gespült werde.

Den Verlust des Daily Express , einst das Blatt der Empire Nostalgiker und inzwischen in ein billiges Produkt mutiert, dass Mangel an solidem Journalismus durch schreierischen Populismus ersetzt, kann Labour verkraften. Doch es sieht auch sonst nicht rosig aus. Die Zahl der Zeitungen, die Labour freundlich gesinnt sind, ist binnen sieben Regierungsjahren bedenklich zusammengeschrumpft. Hier spielt die natürliche Abnutzung einer Regierung ebenso eine Rolle wie die mediale Neigung, immer stärker auf Sensationalisierung und Vereinfachung zu setzen und politischen Akteuren stets nur die dunkelsten Motive zu unterstellen. Auch Blairs Kurs "jenseits von links und rechts" trug zur Eintrübung der medialen Atmosphäre bei. Wer auf dem "Dritten Weg" wandelt und sich pragmatisch an "best practice" orientiert, verstört traditionelle mediale Sympathisanten, ohne die Gegner auf der anderen Seite des politischen Spektrums zu gewinnen. Liberale und linke Gazetten wie Guardian (360 000) und Independent (230 000) beklagen den Mangel an linken Rezepten. Labours intensiver Flirt mit Markt und Privatisierung wird misstrauisch beäugt, wenn nicht gar als "Verrat" gegeißelt. Innen-, Rechts und Einwanderungspolitik der Regierung gilt diesen Zeitungen generell als zu harsch, während die konservative Presse sie als zu schlapp empfindet. Die Zeitungen aus Lord Rothermeres Konzern, Daily Mail (Auflage 2,5 Millionen), Sunday Mail (1,3 Mill) und der Londoner Evening Standard (450 000), lassen sich in ihrer Abneigung gegen die "Kryptsozialisten" New Labours kaum überbieten. Permanent schüren sie Ängste, ob vor "Überfremdung", wachsender Kriminalität oder Gentechnisch veränderter Landwirtschaft. Sie verfolgen eine Strategie, die ein entnervter Berater des Premiers als absichtsvollen Versuch deutet, "die Wähler in einem permanenten Zustand selbstgerechter Empörung zu halten".

So bleiben wenig Zeitungen übrig, die Blair nicht abgeschrieben haben: der Daily Mirror , traditionell stets auf Labours Seite, mit sinkender Auflage (nur noch rund 1,8 Millionen), die Financial Times (380 000), mit begrenzter Wirkung auf die Wählermassen, und die Blätter von Murdochs News International. Der Medienzar, der demonstrativ den neuen Toryführer Michael Howard zur Konferenz von NewsCorp einlud, lässt Blair zappeln. Die Times (650 000) geht insgesamt fair mit der Regierung um, die Sunday Times (1,3 Millionen) ist zumeist feindselig, während das Massenblatt Sun (3,6 Millionen) Blairs Europakurs scharf bekämpft, auch innenpolitisch immer kritischer geworden ist, jedoch Labours Management der Wirtschaft lobt. Der Irakkrieg hat die Not Blairs vergrößert. Guardian und Independent machten ebenso heftig Stimmung dagegen wie der Daily Mirror . Positive Urteile über die Regierung in diesen Blättern werden durch den Widerstand gegen seine internationale Politik überlagert. Murdoch dagegen tat öffentlich kund, er werde Tony Blairs mutige Irakpolitik "nicht vergessen". Als Garantie für die nächsten Wahlen darf das wohl nicht gedeutet werden.

Labour bleibt ein Trost. Zeitungen können Wahlen allein nicht umdrehen. Auch wenn sie gerne den Eindruck erwecken, wie die Sun ("It was the Sun wot won it") dies in 1992 mit prahlerischer Schlagzeile tat. Nur wenn sie über lange Zeit hinweg permanent Stimmung machen, zeigt das Wirkung. Auch führt Labour trotz des medialen Fegefeuers der vergangenen zwölf Monate immer noch in den Umfragen - vor allem wegen der guten wirtschaftlichen Lage.