die zeit: Frau Schwan, Ihr Konkurrent, der Unions-Kandidat für das Bundespräsidentenamt Horst Köhler, hat sich soeben sehr deutlich gegen die Irak-Politik der Regierung Bush ausgesprochen. Hat er Recht?

Gesine Schwan: Ich selbst habe schon im März 2003 einen ausführlichen Artikel zum Irak-Krieg geschrieben und sehr genau vorhergesagt, was passieren würde. Dass es nämlich einen militärischen Sieg geben könnte, damit aber eine Demokratisierung des Iraks und der Region nicht zu erreichen sei, sondern man vielmehr eine Vietnamisierung befürchten müsse.

zeit: Herr Köhler war wesentlich deutlicher in seiner Aussage. Er warf den USA "Arroganz" vor und einen miserablen Umgang mit den europäischen Verbündeten.

Schwan: Ich habe in meiner Einschätzung vor einem Jahr auf die grundsätzliche Gefahr eines verbleibenden Hegemons verwiesen, der in seiner Machtfülle zu arrogantem Handeln neigt.

zeit: Mit dem Hegemon meinen Sie Amerika?

Schwan: Ja. Deswegen habe ich auch gesagt, dass aus meiner Sicht die Europäische Union eine politische Regionalmacht sein muss, die sich unabhängig von den USA positioniert. Das Prinzip der checks and balances, der Kontrolle und Gegenkontrolle, muss nicht nur für die Innenpolitik gelten, sondern ebenso für die internationale Politik.

zeit: Die philosophische Motivlage von George W. Bush für seinen Irak-Feldzug müsste Ihnen aber gefallen, entspricht sie doch der von Ihnen immer wieder geäußerten Grundüberzeugung, dass dem Menschen die Freiheit gebührt. Was also spricht dagegen?