Es mag nur ein müder Abklatsch dessen sein, wie sich ein Gehörloser in dieser Welt voller Geräusche und Worte fühlt – aber einen kleinen Einblick gibt es doch: Man möge sich einmal die Ohren zuhalten, während der Hausarzt seine Diagnose mitteilt oder während einer Fahrt im Bus. Man sieht zwar die Bewegung der Lippen, aber versteht fast gar nichts. "Ansonsten ist es für Gehörlose so, als ob die ganze Welt eine unverständliche Fremdsprache spräche", sagt Siegmund Prillwitz, der an der Universität Hamburg die Deutsche Gebärdensprache untersucht. Gebärden für alle Lebenslagen definieren Forscher an der Universität Hamburg. Lexika für die Themen Computer, Psychologie, Linguistik, Hauswirtschaft, Sozialarbeit oder für Schreiner sind bereits auf dem Markt, auch als multimediale CDs. Die Bilder zeigen (von oben nach unten): Depression, Fitness-Center, Büffet, Reisebüro, Rührei

Für Fremdsprachen – und seien sie noch so exotisch – existieren Wörterbücher, dicke Schwarten, in denen Lernwillige jeden Begriff nachschlagen können. Für Gehörlose, oder solche, die sich mit ihnen verständigen, gab es solche Nachschlagewerke bisher nicht. Prillwitz’ Institut will auch den Gehörlosen das entsprechende Lexikon an die Hand geben, damit sie sich nicht wie Analphabeten fühlen müssen. Lehrer, Schüler oder Dolmetscher sollen nachschlagen können, wovon sie sprechen. Denn die Gehörlosen haben zwar eine Sprache, aber in jedem Land eine andere.

Niedergeschrieben war die Deutsche Gebärdensprache bis in die neunziger Jahre nicht. Die Gehörlosenpädagogik nannte sie abfällig "Affensprache", hielt sie für primitive Gestikuliererei und verhinderte sie – teilweise brutal. Wie zornige Schwalben schießen die Hände von Prillwitz’ Mitarbeiter Arvid Schulz durch die Luft, wenn er erzählt, wie es in den "Taubstummenanstalten" zuging. Eifrige Lehrer banden den gehörlosen Schülern dort die Hände auf die Rücken. "Die Deutschen", sagt der Germanist Prillwitz sarkastisch, "waren auch auf dem Gebiet die Puristen" – German method hieß die Unterdrückung lakonisch im Pädagogenjargon.

Die Gebärdensprache, gebärdet Arvid Schulz, blieb lange dem "Plaudern" unter Freunden vorbehalten, so nannten sie das Gebärden untereinander. Wenn kein Hörender, kein Lehrer in der Nähe war, dann konnte man endlich mal locker reden. Locker, flüssig und "in einer faszinierenden, vollwertigen Sprache", sagt Prillwitz.

Dass die Gebärdensprach-Grammatik so ausgefeilt ist wie die einer Lautsprache, ist inzwischen anerkannt. Und auch das Vokabular ist reichhaltig. Die rund 80000 Gehörlosen in Deutschland – plus schätzungsweise die eine Million Schwerhörigen, die sie auch teilweise nutzen – haben viele Varianten und Dialekte hervorgebracht. "Wir haben erreicht, dass die Sprache akzeptiert ist", sagt Prillwitz, "jetzt müssen wir in Aus- und Weiterbildung investieren." Dafür fehlt aber das entscheidende Werkzeug: ein umfassendes Wörterbuch mit Gebärden und Mundformen zum Lippenlesen für alle Lebensbereiche.

Das Hamburger Institut schließt diese Lücke Schritt für Schritt. Dabei entschied Prillwitz pragmatisch. Er strebt nicht eine Art Grimmsches Wörterbuch an mit allen Gebärden von A bis Z. Das würde Jahrzehnte dauern, niemand würde das Vorhaben finanzieren, und den heutigen Gehörlosen nützte es nichts. Diese brauchen jetzt Fachwörterbücher. Sie sind auf die passenden Fachbegriffe für ihre Ausbildungen angewiesen oder fürs Studium, sie brauchen die richtigen Vokabeln für den Gang zum Arzt, um dort zum Beispiel gesundheitsgefährdende Missverständnisse zu vermeiden. Ganz besonders sind die Dolmetscher darauf angewiesen, die zwischen Arzt und Patienten, Richter und Angeklagtem, Vortragendem und Publikum vermitteln sollen.

Nach und nach publizierte das Institut die großformatigen Bücher im eigens gegründeten Signum-Verlag. Doch richtig plastisch wurde die Lexikonarbeit erst durch Multimedia-Angebote. "Ein Glücksfall", sagt Prillwitz, denn Gebärden sind etwas für bewegte Bilder. Für die Themen Computer, Psychologie, Linguistik, Hauswirtschaft, für Sozialarbeiter, Tischler und Schreiner sind schon Lexika, CDs und Videofilme auf dem Markt. Teilweise sind sie auch auf der Homepage des Instituts frei zugänglich. Das Gesundheitslexikon entsteht zurzeit.

Als Finanzier gewann man für einige Projekte das damalige Bundesministerium für Arbeit und Soziales. "Die waren ihrer Zeit voraus", sagt Prillwitz dankbar, denn mit Hilfe der Sprache hievt man die Gehörlosen in den Arbeitsprozess.