Generationenkonflikt Jetzt sind wir dran

Frank Schirrmacher schmiedet das „Methusalem-Komplott“. Aber die 40-Jährigen sind keine Opfer, sondern Gewinner

Frank Schirrmacher, Herausgeber der ist ein Genosse, ein Altersgenosse. Als solcher hat er alle Gleichaltrigen aufgerufen, ein Komplott zu schmieden. Weder eines gegen die heutigen Alten noch eines für sie, sondern eines für uns. Wir sollen uns wehren gegen den heraufziehenden neuen „Rassismus“, gegen jene, die unsereinen – in dreißig Jahren! – bedrohen könnten, falls wir nicht jetzt schon gegen die „totalitäre“, altenfeindliche Ideologie der künftigen Jungen angehen. Das Ganze soll keineswegs bloß die etwas verfrühte Gründung einer Generationengewerkschaft sein. Vielmehr verfolgen die Männer und Frauen um die 40, so Schirrmacher, keine egoistischen Ziele, sie sind aufgerufen zu einer historischen Mission: „Wir müssen das Problem unseres eigenen Alters lösen, um das Problem der Welt zu lösen.“ Das ist ein schöner, frommer Gedanke, der stark an Marx und Engels erinnert, die meinten, das Proletariat könne sich nur selbst befreien, indem es alle Unterdrückung für alle und für immer aufhebt. Jetzt also sollen wir das Proletariat sein. Ob das gut geht? Und: Sind wir überhaupt unterdrückt, werden wir es je sein?

Seniorenhotel Abgrund

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Schirrmachers Generationen-Manifest stürmt zurzeit die Bestsellerlisten, und wer in eine Buchhandlung geht, kann dem Methusalem-Komplott schwerlich entgehen. Der Erfolg lässt sich verstehen. Der Autor schreibt gut, er greift ein bedeutendes Problem auf, steigert es bis zur Apokalyptik und schlägt am Ende zum Zwecke der Weltrettung eine positive Verschwörung vor. Eine attraktive Mischung: Untergänge gefallen den Deutschen ohnehin und im Moment besonders, weil es ihnen relativ schlecht geht. Und Angst vor dem Alter, wer hätte die nicht?

Wenn man den nervigen Alarmismus und Schirrmachers Flirt mit dem Abgrund hier erst mal außer Acht lässt, so leistet das Buch zumindest etwas: Es popularisiert ein wichtiges Thema und warnt seine Leser, das eigene Altern auch noch durch negative Selbstzuschreibungen und die gängigen Klischees zu beschleunigen. Das alles hat auch etwas für sich – bis auf eines: Frank Schirrmacher wirft sich namens unserer Generation in die Opferrolle. Und das zu einem Zeitpunkt, da das krasse Gegenteil der Fall ist. Die Mittvierziger werden gerade dominant. Sie erobern Machtzentralen und Multiplikatorenrollen, sie gehen in die Spitze und in die Breite. Mit einem Wort: Sie werden zur herrschenden Generation. Und wichtiger noch: Sie werden es lange, sehr, sehr lange bleiben. Wenn es eines Komplotts bedürfte, dann nicht eines der 40-Jährigen, sondern eines gegen sie. Obwohl: Gegen diese Dominanz hilft auch kein Komplott mehr.

Lange Jahre haben sich die heute etwa 40-Jährigen inbrünstig darüber beklagt, dass sie nicht richtig zur Geltung kämen, weil überall diese lauten, effektvoll ineinander verschlungenen 68er dominierten. Ob in der Politik oder in den Medien, an den Unis oder in den Lehrerkollegien – immer waren sie schon da. Und die Aufgabe der Nachfolgenden schien darin zu bestehen, als ideologisches und psychologisches Abklingbecken der – linken wie rechten – 68er zu dienen. 1989, als die Mauer fiel und sich die meisten von ihnen gegen die Einheit wandten, waren wir dafür. Und dachten, nun müsse es mit den ewig gestrigen 68ern bald vorbei sein. War es aber nicht. Stattdessen kamen sie an die Regierung, wodurch auch ihre Altersgenossen in anderen gesellschaftlichen Sphären bedeutend blieben. Das ärgerte viele, eher unnötigerweise. Denn so lange war die Wartezeit nicht. Diejenigen, die in den sechziger Jahren jung waren, haben sich in all den Kämpfen ziemlich verausgabt. Mit Ende 50, Anfang 60 fühlen sie sich schon recht müde. Bald emeritieren sie oder werden abgewählt, wahrscheinlich zugunsten christdemokratischer Mittvierziger. Die 68er-Generation macht Platz, schon fängt man an, sie ein bisschen zu vermissen. Niemand sollte sich im Ernst darüber beschweren, „erst“ mit 40 in die Zentren von Gesellschaft, Medien, Politik und Wirtschaft vordringen zu können. So gut wird es die nächste Generation nicht haben. Sie hat etwas anderes vor sich: uns.

Die Urerfahrung der um 1960 Geborenen war, dass sie immer zu viele waren. Wo sie hinkamen, in die Schule, an die Uni oder auf den Arbeitsmarkt, herrschte Überfüllung. Das hatte einst Nachteile – jetzt aber, da sie drin und dran sind, wird Massesein zum Machtfaktor. Denn nach der letzten Generation vor Erfindung der Pille kommen nur noch geburtenschwache Jahrgänge.

Doch sind die Vorteile der 40-Jährigen nicht allein quantitativer Natur. Sie können noch Ideologie, ohne ihr zu verfallen, können Sinn simulieren und Thesen aufstellen, Linien ziehen und nicht nur Pirouetten drehen. Sie haben an Küchentischen Machtdiskurse gelernt und können darum verdeckt und lächelnd Vorteile erkämpfen. Sie waren im Sparring mit den 68ern und haben noch selbst Demos organisiert. Kurzum: Sie sind für die Jüngeren die sympathischste und verständnisvollste Hölle, die sich diese nur wünschen können.

Die Schwierigkeiten der Jüngeren liegen auch bei ihnen selbst, in ihrem grandiosen Fehlstart in die Erwachsenenwelt. Ende des letzten Jahrzehnts glaubten sie, die Welt hätte nur auf sie gewartet. Globalisierung, Markenrausch, Internet und Börsenboom machten sie zuversichtlich, sie könnten mit besserem Englisch, mehr elektronischem Know-how und einer unbeschwerteren Lebensart die Vorgängergeneration überholen. Florian Illies hat dieser Generation ihren ersten öffentlichen Ausdruck gegeben. Sein Buch geriet zum intelligenten Doppelschlag gegen die 68er wie gegen die 78er. Mit seiner Marken- und Konsumorientierung negierte er den Antikapitalismus der einen ebenso wie die ökologische Konsumkritik der anderen. Mit ironischer Leichtigkeit ließ er uns plötzlich alt werden, zu schwer für diese Welt. Nie waren sich die 68er und ihre ewigen Plagegeister, also wir, so nahe wie nach Erfindung der Generation Golf. Dann kamen Börsenkrach und Medienkrise. Die Jungunternehmer gingen Pleite, und seit dem 11. September 2001 sind wieder Ernst und Geschichte gefragt. Von dieser Wende hat sich die Generation Golf bis heute nicht erholt. Ihr Vormann Illies hat ein verspätetes Start-up-Unternehmen, eine Zeitschrift für Kunst, gegründet – eine mutige Entscheidung, aber auch ein Signal: Seine Generation hat den Kampf um das Zentrum der Gesellschaft und um die geistige Hegemonie vorerst aufgegeben. Dabei sein reicht ihr.

Und wenn die Masse mürbe wird, wenn die 40-Jährigen 70 sind, wenn sie den Jüngeren auf der Tasche liegen, wenn die Generation Golf doch noch zu Kräften gekommen sein wird? Droht uns dann jener „totalitäre Rassismus“, um in Schirrmachers hysterischem Vokabular zu sprechen? Kaum. Zunächst ist es in einer Demokratie hilfreich, viele zu sein, auch wenn man alt ist. Zudem werden wir uns gegen das soziale Wegaltern wehren. Schon die 68er-Generation wird mit dem ihr eigenen erfinderischen Egoismus das Altern revolutionieren. Nicht zuletzt dürften die heute 40-Jährigen aufgrund ihrer Möglichkeiten in den kommenden Dekaden genügend Reichtum anhäufen – Ansprüche an den Staat, Eigentum, Netzwerke und Erfahrung. Ein Methusalem-Komplott zu schmieden, das ist wirklich die geringste Sorge dieser Generation. Die Frage ist nicht, wie wir uns gegen künftige Ohnmacht wehren, sondern was wir mit unserer Macht anfangen wollen.

Natürlich ist der innere Zusammenhalt der Generation der 40-Jährigen nicht so stark wie bei den 68ern. Ihre Funktion war immer abgeleitet. Sie waren Post- und Anti-68er, außer der Heilung von deren Wahn hatten sie keine eigenständige Mission. Aber gerade diese Einstellung, dieses „Tun, was anliegt“, könnte sich für die Zukunft als nützlich erweisen. Schließlich kommt es heute nicht so sehr darauf an, die Gesellschaft zu verändern, sondern mit den sich vollziehenden fundamentalen Veränderungen fertig zu werden. Zu denen gehört das demografische Problem und – nach wie vor – das ökologische. Deutschland muss lernen, neues Wachstum zu erzeugen und dennoch dauerhaft Knappheiten aller Art zu verkraften. Die Erfahrungen der 40-Jährigen sind für diese Aufgabe nicht die schlechtesten. Die letzten Reste von Nachkriegsknappheiten haben sie noch mitbekommen. Selbst sind sie zwar in stetig wachsendem Wohlstand groß geworden, dafür jedoch hat sie der Gedanke an die Grenzen der Natur bis ins Mark geprägt. Eine Ahnung von dem, was kommen wird, haben sie also schon seit früher Jugend. Ihre kommunikativen Fähigkeiten sind ohnehin beträchtlich, sie können über alles reden, und zwar so vernünftig, dass es fast schon niederschmetternd ist.

Aber hier beginnt unser Problem. Das heikelste Defizit dieser Generation liegt in ihrer mittleren Vernünftigkeit, in ihrem Mangel an Charisma und überschießender Energie. Werden wir – ohne Anleihen bei den 68ern – das charismatische Minimum aufbringen, um Parteien zusammenzuhalten, Kirchen aller Art oder auch Leserschaften? Und um Betrieben eine über den bloßen Profit hinausgehende Identität einzuhauchen? Können wir auch Drama, können wir Diskurse anzetteln, können wir Kontur?

Frank Schirrmacher ist eine Ausnahmeerscheinung in unseren Jahrgängen. Ihm ist es öfter als anderen gelungen, etwa bei der Gentechnik, Debatten loszutreten und zu strukturieren. So wie auch zurzeit wieder mit seinem Buch. Doch kann er das bisher nicht unter den Bedingungen geistiger Strenge und ökonomischer Knappheit. Er wirkt nur aus Opulenz. Schirrmacher leiht sich – hemmungsloser als die alt gewordenen 68er – bei den letzten beiden Jahrhunderten die starken Affekte und Klischees. Apokalypse, Weltrettung, Verschwörung, neuer Totalitarismus – all das wirft er nacheinander auf die Genetik, dann auf die Nanotechnik, nun auf die Demografie. Und die andere Seite seiner Abhängigkeit von Opulenz: Als Herausgeber der FAZ hatte er seine stärkste Zeit, als das Blatt sich noch einbildete, keine finanziellen Sorgen zu haben.

Die meisten seiner Generation hatten ihre apokalyptische Phase mit 20, als Friedens- und AKW-Bewegung unablässig mit dem Untergang hantierten. Doch die großen Katastrophen blieben aus. In der Zwischenzeit haben sie verstanden, dass Apokalyptik auch nur eine deutsche Ideologie ist, dass Untergangsgesänge historisch ein Symptom von Dekadenz sind, und dass sich dieses Land seinen Pessimismus nur leisten konnte, weil es ihm ökonomisch so gut ging. Man könnte es auch so sagen: Die Lage ist zu ernst für Apokalypsen.

 
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