Generationenkonflikt Jetzt sind wir dranSeite 2/2

Und wenn die Masse mürbe wird, wenn die 40-Jährigen 70 sind, wenn sie den Jüngeren auf der Tasche liegen, wenn die Generation Golf doch noch zu Kräften gekommen sein wird? Droht uns dann jener „totalitäre Rassismus“, um in Schirrmachers hysterischem Vokabular zu sprechen? Kaum. Zunächst ist es in einer Demokratie hilfreich, viele zu sein, auch wenn man alt ist. Zudem werden wir uns gegen das soziale Wegaltern wehren. Schon die 68er-Generation wird mit dem ihr eigenen erfinderischen Egoismus das Altern revolutionieren. Nicht zuletzt dürften die heute 40-Jährigen aufgrund ihrer Möglichkeiten in den kommenden Dekaden genügend Reichtum anhäufen – Ansprüche an den Staat, Eigentum, Netzwerke und Erfahrung. Ein Methusalem-Komplott zu schmieden, das ist wirklich die geringste Sorge dieser Generation. Die Frage ist nicht, wie wir uns gegen künftige Ohnmacht wehren, sondern was wir mit unserer Macht anfangen wollen.

Natürlich ist der innere Zusammenhalt der Generation der 40-Jährigen nicht so stark wie bei den 68ern. Ihre Funktion war immer abgeleitet. Sie waren Post- und Anti-68er, außer der Heilung von deren Wahn hatten sie keine eigenständige Mission. Aber gerade diese Einstellung, dieses „Tun, was anliegt“, könnte sich für die Zukunft als nützlich erweisen. Schließlich kommt es heute nicht so sehr darauf an, die Gesellschaft zu verändern, sondern mit den sich vollziehenden fundamentalen Veränderungen fertig zu werden. Zu denen gehört das demografische Problem und – nach wie vor – das ökologische. Deutschland muss lernen, neues Wachstum zu erzeugen und dennoch dauerhaft Knappheiten aller Art zu verkraften. Die Erfahrungen der 40-Jährigen sind für diese Aufgabe nicht die schlechtesten. Die letzten Reste von Nachkriegsknappheiten haben sie noch mitbekommen. Selbst sind sie zwar in stetig wachsendem Wohlstand groß geworden, dafür jedoch hat sie der Gedanke an die Grenzen der Natur bis ins Mark geprägt. Eine Ahnung von dem, was kommen wird, haben sie also schon seit früher Jugend. Ihre kommunikativen Fähigkeiten sind ohnehin beträchtlich, sie können über alles reden, und zwar so vernünftig, dass es fast schon niederschmetternd ist.

Aber hier beginnt unser Problem. Das heikelste Defizit dieser Generation liegt in ihrer mittleren Vernünftigkeit, in ihrem Mangel an Charisma und überschießender Energie. Werden wir – ohne Anleihen bei den 68ern – das charismatische Minimum aufbringen, um Parteien zusammenzuhalten, Kirchen aller Art oder auch Leserschaften? Und um Betrieben eine über den bloßen Profit hinausgehende Identität einzuhauchen? Können wir auch Drama, können wir Diskurse anzetteln, können wir Kontur?

Frank Schirrmacher ist eine Ausnahmeerscheinung in unseren Jahrgängen. Ihm ist es öfter als anderen gelungen, etwa bei der Gentechnik, Debatten loszutreten und zu strukturieren. So wie auch zurzeit wieder mit seinem Buch. Doch kann er das bisher nicht unter den Bedingungen geistiger Strenge und ökonomischer Knappheit. Er wirkt nur aus Opulenz. Schirrmacher leiht sich – hemmungsloser als die alt gewordenen 68er – bei den letzten beiden Jahrhunderten die starken Affekte und Klischees. Apokalypse, Weltrettung, Verschwörung, neuer Totalitarismus – all das wirft er nacheinander auf die Genetik, dann auf die Nanotechnik, nun auf die Demografie. Und die andere Seite seiner Abhängigkeit von Opulenz: Als Herausgeber der FAZ hatte er seine stärkste Zeit, als das Blatt sich noch einbildete, keine finanziellen Sorgen zu haben.

Die meisten seiner Generation hatten ihre apokalyptische Phase mit 20, als Friedens- und AKW-Bewegung unablässig mit dem Untergang hantierten. Doch die großen Katastrophen blieben aus. In der Zwischenzeit haben sie verstanden, dass Apokalyptik auch nur eine deutsche Ideologie ist, dass Untergangsgesänge historisch ein Symptom von Dekadenz sind, und dass sich dieses Land seinen Pessimismus nur leisten konnte, weil es ihm ökonomisch so gut ging. Man könnte es auch so sagen: Die Lage ist zu ernst für Apokalypsen.

 
Service