Weder den Bremer noch den Kölner Literaturpreis hat er je bekommen, nicht den Kleist-, nicht den Goethe- und schon gar nicht den Büchnerpreis der gottverknarzten Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Als Walter Kempowski 1956 von Deutschland Ost nach Deutschland West kam, aus dem Kerker in Bautzen entlassen, wo er wegen "Spionage" acht Jahre seiner Jugend abgesessen hatte, dauerte es, bis er seine Geschichte erzählen konnte. Doch dann, 1969, wollte sie niemand mehr hören resp. lesen. Zu oft hatten die Konservativen und die alten Nazis des Adenauerstaates ihre Antikommunismuskeule geschwungen, zu lange dauerte jetzt schon die Eiszeit des Kalten Krieges, als dass man noch einmal die brutale Wahrheit über die Realität des real existierenden Sozialismus ausgemalt haben wollte. Kempowskis Bautzen-Bericht Im Block fiel, obzwar von Kritikern und Kollegen wie Horst Bienek und Helmut Salzinger hoch gelobt, beim Publikum durch.

Aber als dann der Erfolg kam, mit Büchern wie Tadellöser & Wolff (1971) und Uns geht’s ja noch gold (1972), mit den legendären Filmen, die Eberhard Fechner für das ZDF nach Kempowskis Familienchronik drehte, war es, bei allem Lob, auch wieder nicht recht. Bald hieß man Kempowski bieder, nostalgisch, einen trivialen Arno-Schmidt-Epigonen. Als er 1984 mit Herzlich willkommen seine Familiensaga abschloss, fielen sie unisono über ihn her, Werner Fuld in der FAZ genauso wie Robert Gernhardt im Spiegel – "subaltern", "geschwätzig".

Es berührt schon seltsam, das alles in Dirk Hempels schöner Kempowski-Chronik noch einmal nachzulesen. Auch wie wundersam es weiterging: Denn während Kempowski, Dorfschullehrer in Nartum bei Rotenburg an der Wümme, später Dozent in Oldenburg, verdrossen unverdrossen weiterschrieb, an seinen Romanen, seinen Tagebüchern, an der großen historischen Anthologie Echolot (die dann, der erste Teil erschien 1993, plötzlich alle ganz toll fanden), hatte längst eine jüngere Generation den Mann entdeckt. Von Max Goldt bis Gerhard Henschel erklingt nun sein Lob, Benjamin von Stuckrad-Barre pilgerte nach Nartum, Karen Duve und Falko Hennig bekennen ihre Verehrung. Böll-Lenz-Grass sind Literaturgeschichte, sein Werk aber blüht erst jetzt so richtig auf. 75 wird er heute, der große Erzähler, Chronist und Humorist Walter Kempowski. Preise braucht er keine mehr.