Vierzehn erfolgreiche Jahre werden innerhalb einer Sekunde beendet." Bernd Ledeboer muss sich mit dem Gedanken abfinden, dass es mit der EU-Osterweiterung vom 1. Mai 2004, null Uhr an für die Mehrzahl seiner Mitarbeiter nichts mehr zu tun gibt und dass sie ihren Job verlieren. Jedenfalls, wenn sie in den Büros an der Grenze nach Polen und Tschechien arbeiten. Dabei erzielt seine Import-Partner Internationale Zollspedition GmbH aus Ratzeburg dort zurzeit die höchsten Umsätze und Erträge seit Firmengründung. "Ich kenne keinen vergleichbaren Fall, in dem blühenden Unternehmen von einer Sekunde auf die nächste auf diese Art ihre Existenzgrundlage entzogen wurde."

Ledeboer gehört einem aussterbenden Berufsstand an: Er ist Grenzspediteur. Eine irreführende Bezeichnung, denn diese Spediteure brauchen keine Lastwagen. Zolldeklarant oder Zollagent trifft die Sache besser. Ob Paletten oder Rinder, welche Ware auch immer über die Außengrenzen der Europäischen Union nach Deutschland eingeführt wird, sie muss verzollt werden. Ledeboer und seine Kollegen übernehmen für die Importeure die Zollanmeldung. Sie haben Büros neben den Grenzübergängen, organisieren den Papierkram ihrer Kunden, sie schießen ihnen auch die Einfuhrumsatzsteuer vor. Mit solchen Dienstleistungen verdienen die Grenzspediteure ihr Geld. Allerdings nur bis zum 31. April. Danach gibt es vielerorts bloß noch Personen-, Ausweis- und Fahrzeugkontrollen, die Zollgrenzen hingegen fallen. "Das bedeutet für uns die garantierte Arbeitslosigkeit", sagt Ledeboer.

Eigentlich müssten sich die Zollagenten bereits daran gewöhnt haben, ist es doch bereits das dritte Mal, dass sie weiterziehen müssen. Schon als durch die Einführung des europäischen Binnenmarkts 1993 die Zollgrenzen fielen, verloren sie ihren Arbeitsplatz, durch die Wiedervereinigung fiel die innerdeutsche Grenze weg. "Jetzt ist neben den deutschen See- und Flughäfen die Grenze zur Schweiz die einzige EU-Außengrenze Deutschlands", sagt Jutta Knell, die sich als Referentin beim Deutschen Speditions- und Logistikverband mit dem Schicksal der Grenzspediteure beschäftigt. Zwischen 1500 und 2000 Arbeitsplätze, schätzt sie, fallen jetzt in den strukturschwachen Grenzgebieten weg.

Manche der gut dreißig Mittelständler werden an den Grenzen bleiben und auf Hinterlandverkehr, beispielsweise aus Russland, hoffen. Andere, die rechtzeitig polnische und tschechische Tochtergesellschaften gegründet haben, denken über einen Neuanfang an den neuen Außengrenzen der Union nach. Dabei konkurrieren sie mit ihren Kollegen auf der anderen Seite, denn auch denen bricht das Geschäft weg.

Auch die Ursula Roeder Zollabfertigung und Spedition mit Sitz in badischen Oftersheim wird es erwischen. 1994 mit einer Voll- und einer Teilzeitkraft gegründet, beschäftigt sie mittlerweile 80 Mitarbeiter – nur sieben von ihnen werden bleiben. "Die Stimmung ist sehr gedrückt", sagt Geschäftsführer Benno Roeder. "Die Mitarbeiter sind bis zur letzten Minute voll gefordert und verlieren am 30.4. um Mitternacht die Arbeitsplätze ohne Aussicht auf Ersatz." Mit Sonderprämien und Sozialplänen versuchen die Chefs die Angestellten zu unterstützen.

Von der Politik fühlen sich die meisten Grenzspediteure allerdings ziemlich allein gelassen. Zwar würde die EU Geld zur Verfügung stellen, doch die meisten Landesregierungen haben kein Geld für die Kofinanzierung übrig. Nur Bayern hat Anfang des Jahres Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen genehmigt. "Die Kurse laufen jetzt an. Das ist schon ein bisschen knapp", sagt Michael Engl. Er ist Geschäftsführer der OWS Ost-West-Spedition und Sprecher der Interessengemeinschaft Grenzspediteure Furth im Wald.

Deutliche Worte bekam Bernd Ledeboer, der 21 Grenzspeditionen am Grenzübergang Pomellen bei Stettin vertritt, bei seiner Lobbyarbeit in Berlin zu hören. Die Zollagenten hätten doch gewusst, dass die Erweiterung kommt, und hätten sich vorbereiten können. "Dieser Zynismus der Politiker ist kaum zu überbieten", meint Bernd Ledeboer. "Ein Grenzspediteur ohne Zollgrenze ist wie ein Bäcker ohne Mehl und Wasser."