In einem Punkt ist der Internationale Währungsfonds (IWF) besonders konsequent: Kriselnden Mitgliedsstaaten verordnet er stets stramme Reformen. Jetzt steckt er selbst im Reformstau.

Zwar war auf der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank am vergangenen Wochenende in Washington nur am Rande von notwendigen Reformen die Rede. Doch auf den neuen IWF-Chef Rodrigo Rato, den Nachfolger von Horst Köhler im Amt des Managing Director, wartet dennoch ein langer Aufgabenkatalog. Unter Führung des Spaniers muss der Währungsfonds wirksamer dazu beitragen, negative Auswirkungen der Globalisierung zu begrenzen. Er muss wirtschaftliche Rückschläge für einzelne Staaten oder ganze Weltregionen mit ihren oft verheerenden Folgen für deren Bevölkerung zu verhindern helfen. Immerhin spielt der IWF, gemeinsam mit der Weltbank und der Welthandelsorganisation WTO, eine zentrale Rolle für die Entwicklung der Weltwirtschaft.

Wenn Rato seinen Job gut machen will, darf er auch Konflikte mit den mächtigsten Anteilseignern, den Industrieländern, nicht scheuen. Denn obwohl Köhler in seiner vierjährigen Amtszeit bereits wichtige Reformen in Gang gesetzt hat, sind weitere durchgreifende Neuerungen unumgänglich.

Waghalsige Kredite an hoch verschuldete Länder

Zwar werden Währungs- und Schuldenkrisen auch künftig nicht zu verhindern sein. Doch der Fonds kann und muss darauf hinarbeiten, die Krisen – so die Standardformulierung seines früheren Chefs Köhler – in "ihrer Häufigkeit und in ihrer Tiefe einzuschränken". Noch ist der Währungsfonds weit davon entfernt, solche kritischen Situationen souverän zu beherrschen.

Notwendig ist eine grundlegende Wende in der Geschäftspolitik des IWF bei der Krisenbewältigung. Es ist keine wirkliche Hilfe für die betroffenen Länder, wenn der IWF immer größere Pakete mit riesigen Beistandskrediten schnürt. Allein in den vergangenen drei Jahren haben sich die vom IWF gewährten Kredite mehr als verdoppelt. Heute belaufen sich die Außenstände auf die Rekordsumme von 107 Milliarden US-Dollar. "Wenn der IWF so weitermacht", warnte ein europäischer Notenbanker in Washington, "geht ihm schnell die Luft aus."

Das Hauptproblem dabei: Siebzig Prozent der gesamten Kreditsumme entfallen auf nur drei Länder – auf Argentinien, Brasilien und die Türkei. Und deren Zahlungsfähigkeit ist auch nach der Nothilfe fraglich. Für das IWF-Management bedeutet das ein Spiel mit dem Feuer. Statt für Stabilität im Weltfinanzsystem zu sorgen, droht der Währungsfonds mit einer derart waghalsigen Kreditvergabe selbst zum Risiko zu werden.

Vor allem muss sich der Fonds etwas Neues einfallen lassen bei den Auflagen für die Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik, die er bei der Darlehensgewährung den Krisenländern vorschreibt. Das alte Standardrezept des ökonomischen Sittenwächters – "Zinsen rauf, Staatsausgaben runter" – hat manches strauchelnde Land noch tiefer in die Krise gestürzt und, etwa in Lateinamerika und Südostasien, Wachstumschancen auf Jahre hinaus zerstört.