DIE ZEIT: Herr Kramarsch, im Aufsichtsrat von DaimlerChrysler, der diesen Donnerstag tagt, sitzt kein unabhängiger Fachmann aus der Autobranche. Sieht so eine gute Unternehmenskontrolle aus?

Michael KRAMARSCH: Die Aufgaben eines Aufsichtsrates haben sich in den vergangenen Jahren ja deutlich geändert. Der Aufsichtsrat ist für den Vorstand Kontrolleur und Sparringspartner zugleich. Dabei geht es um die größtmögliche Expertise – und wie man diese gewährleistet, kommt auf den Einzelfall an. Im Übrigen werden die Aufsichtsräte direkt durch die Aktionäre bestimmt und nicht durch das Unternehmen.

ZEIT: Aber haben Aktionäre wirklich die freie Wahl? Üblicherweise werden Aufsichtsräte auf einer Hauptversammlung per Blockwahl gewählt – ein differenziertes Urteil ist da gar nicht möglich. Bei der HypoVereinsbank hat ein Gericht die letzte Blockwahl gerade kassiert.

KRAMARSCH: Die Blockwahl kommt aus einer Zeit, als die Aktionäre den Aufsichtsrat niemals kritisch hinterfragt haben. Es ist gut, dass sich das ändert. Und im Sinne einer guten Corporate Governance ist es absolut wünschenswert, dass sich die Aktionäre kritisch mit einzelnen Aufsichsräten auseinander setzen und ihre Meinung äußern können – durch die Wahl oder Abwahl von Personen. Einige deutsche Unternehmen verzichten bereits auf die Blockwahl. Aber es sind noch zu wenige.

ZEIT: Können Spitzenmanager heute überhaupt noch Entscheidungen revidieren, ohne gleich dem öffentlichen Druck eines Rücktritts ausgesetzt zu sein?

KRAMARSCH: Dieser Druck entspringt einer extrem zugespitzten Wahrnehmung: Unternehmen werden in der Öffentlichkeit inzwischen fast nur noch auf die Person des Vorstandschefs reduziert. Gleichzeitig gibt es heute, anders noch als vor fünf oder sechs Jahren, keine Jobgarantie mehr, nach dem Motto: Einmal Vorstand, immer Vorstand. Das Vorstandsleben ist gefährlicher geworden.

ZEIT: Ist diese Personalisierung aber nicht auch gewollt? Vorstandschef Jürgen Schrempp ist durch den Satz bekannt geworden, wonach Daimler ihn mehr brauche als er Daimler.